PULS - Ein "Rhea M." fürs Handy-Zeitalter

Kommentare:

Fakten:
Puls - Wenn alle vernetzt sind ist keiner sicher (Cell)
USA. 2015. Regie: Tod Williams. Buch: Adam Allecca, Stephen King (Vorlage). Mit: John Cusack, Samuel L. Jackson, Isabelle Fuhrman, Clark Sarullo, Ethan Andrew Casto, Owen Teague, Stacy Keach, Joshua Mikel, Anthony Reynolds, Erin Elizabeth Burns, Jeffrey Hallman, Mark Ashworth, Wilbur Fitzgerald, Catherine Dyer, E. Roger Mitchell, Alex ter Avest u.a. Länge: ca. 98 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Eines Tages wird plötzlich ein starkes Signal an alle Smartphones gesendet, welches plötzlich alle Menschen in blutrünstige Irre verwandelt. Comic-Autor Clay Riddell hingegen hat Tag X überlebt und schließlich sich einer Gruppe überlebenden an, die gerade auf dem Weg nach Norden sind, um dort seine Frau und seinen Sohn zu retten. Doch die Phoners warten schon.





Kritik:
Immer wieder formte Stephen King in Romanen und Kurzgeschichten die Kritik an der technologischen Abhängigkeit des Menschen in Horror um. In seinem Roman Puls von 2006 war der moderne Mobilfunk in Kings Fokus geraten und schnell meldete sich Hollywood und kündigte ein Interesse an dem Stoff an. Namen wie Eli Roth fielen, doch dann wurde es still um das Projekt, bis es fast schon überraschend 2015 umgesetzt wurde. Unter der Regie von Paranormal Activity 2-Regisseur Tod Williams, dessen Karriere mit The Door in the Floor 2004 so verheißungsvoll begann, versammeln sich John Cusack und Samuel L. Jackson in der Verfilmung und schüren damit Hoffnungen, dass Puls eine der wenigen gelungenen King-Verfilmungen ist. Immerhin spielte beide in dem sehenswerten Zimmer 1403, basierend auf einer Kurzgeschichte des Kultautors, mit.


Bedauerlicherweise erweist Puls sich als King-Verfilmung der verzichtbaren Sorte. Zwar beginnt mit der Film mit einer drastischen wie verstörenden Szene an einem Flughafen, danach versandet die unheilvolle Stimmung aber im Nichts. Schuld darran ist zum einen die weitere Inszenierung, die wirklich nicht kaschieren kann, dass das Budget des Films nicht sonderlich hoch war. Visuell sieht die Produktion aus wie ein mittelklassiger Fernsehfilm und auf einem ähnlichen Niveau befinden sich auch die Dialoge des Scripts, an dem Stephen King höchst selbst mitgearbeitet hat. Dass das nichts Gutes heißen will, wissen wir seit seinem phantastisch misslungen Rhea M. – Es begann ohne Vorwarnung – übrigens auch ein Film mit anti-technologischen Einschlag. Der größte Makel des Films ist aber gewiss, dass er versucht mit einem penetrant wehmütigen Tonus ein Mysterium zu erschaffen. Doch dafür hängt der Spannungsbogen zu oft durch und die Botschaft des Films wirkt darüber hinaus unangenehm antiquiert und vor allem hochgradig überkonstruiert. Das Unheilvolle des Unbekannten, es wird in Puls zerfräst vom Glauben, dass hier eine Aussage das wichtigste ist. Die bessere Alternative ist da der zehn Jahre alte The Signal von David Bruckner.


Puls reiht sich leider in die Reihe verkorkster King-Verfilmungen ein und unter diesen wirkt er auch noch ziemlich unmotiviert. Der Grund: Irgendwie hatten die beteiligten Darsteller wirklich keine all zu große Lust am Projekt. Anders ist ihrer schlechte bis maximal durchwachsene Leistung nicht zu erklären. Während Samuel L. Jackson noch irgendwie ohne all zu große Ausfälle durch den Streifen stolzt, wirkt John Cusack so lustlos und abwesend, dass es teils schon an Arbeitsverweigerung erinnert. Bedauerlicherweise verfügt das aber nicht einmal über eine unfreiwillige Komik.


3 von 10 eiskalten Handys

DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN – Große Show, wenig Emotionen

1 Kommentar:

Fakten:
Die irre Heldentour des Billy Lynn (Billy Lynn's Long Halftime Walk)
USA. 2016. Regie: Ang Lee. Buch: Jean-Christophe Castelli, Simon Beaufoy, Ben Fountain (Vorlage). Mit: Joe Alwyn, Garrett Hedlund, Vin Diesel, Steve Martin, Chris Tucker, Kristen Stewart, Arturo Castro, Mason Lee, Astro, Beau Knapp, Ismael Cruz Córdova, Barney Harris, Makenzie Leigh, Ben Platt, Bruce McKinnon, Deirdre Lovejoy u.a. Länge: ca. 110 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Ab 2. Februar 2017 im Kino.


Story:
Nach einem schrecklichen Gefecht im Irakkrieg werden der 19-jährige Soldat Billy Lynn und seine Kameraden als Helden gefeiert und auf eine landesweite Siegestour durch die USA geschickt. Doch nach und nach geraten die wahren Geschehnisse am Golf ans Licht und die Enthüllung findet ihren Höhepunkt während der spektakulären Halbzeit-Show eines Football-Spiels an Thanksgiving. Die amerikanische Feier-Euphorie ist meilenweit von der Realität des Krieges entfernt...




Kritik:
Zu Beginn des Jahres 2017 starten gleich zwei Kriegs- bzw. Antikriegsfilme in Deutschland, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Mel Gibsons "Hacksaw Ridge" seinen Protagonisten als Kriegshelden heroisiert, erschafft Ang Lee mit "Die irre Heldentour des Billy Lynn" (Billy Lynn's Long Halftime Walk) einen krassen Gegenentwurf dessen und stellt die Frage, ob es im Krieg überhaupt Helden geben kann. Doch gehen wir einen Schritt zurück. Der zweifach oscarprämierte Regisseur Ang Lee hat sich seit seiner Zeit in Amerika immer wieder uramerikanischen Themen, wie Superhelden, Cowboys oder auch Woodstock gewidmet. In seinen Filmen beweist Lee nicht nur ein tiefes Verständnis für die amerikanische Kultur, sondern reflektiert über diese auf eine Art und Weise, wie es wohl nur ein Außenstehender zu tun vermag. Seine Werke sind eben keine typischen Superhelden- oder Cowboyfilme, sie entwickeln sich über das eigentliche Genre hinaus und werden zu etwas neuem, etwas größerem. Angesichts dessen ist die Erwartung an einen Antikriegsfilm von Lee, insbesondere zu Zeiten von furchtbaren Machwerken wie "Hacksaw Ridge", immens hoch. Doch auch wenn man Lee die Risiken, die er bei diesem Film eingegangen ist positiv anrechnen muss, ist er leider an seinen Ambitionen und wohl auch der hohen Erwartungshaltung der Zuschauer gescheitert.


Aber widmen wir uns erst einer der größten Stärken des Films – der Inszenierung. Ang Lee hat schon mehrfach bewiesen, dass er auf dem Regiestuhl wahre Wunder vollbringen kann. Seien es die atemberaubenden Kampfsequenzen in "Tiger & Dragon", die emotionale Kraft von "Brokeback Mountain" oder die unnachahmliche Schönheit von "Life of Pi". All diese Filme verdanken Lee einen Großteil ihres Erfolgs. Billy Lynn reiht sich problemlos in diese Riege von inszenatorischen Meisterleistungen ein. Dabei sticht vor allem die Szene hervor, in der Billy und seine Kumpanen in der titelgebenden Halbzeitshow auftreten müssen. Lee hat hier zu jedem Zeitpunkt die volle Kontrolle über das was der Zuschauer sieht – oder in diesem Fall eben nicht sieht – um damit die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Genau diese Szene wird auch am Ende des Jahres zu dem besten aus 2017 zählen. Doch ähnlich wie schon bei "Life of Pi" hatte der Regisseur die Ambition, die technischen Aspekte des Films auf eine neue Ebene zu bringen. Anstatt mit 24 fps (Bildern pro Sekunde) filmte er Billy Lynn mit sage und schreibe 120 fps. Damit erreicht der Film mehr als die doppelte Anzahl an Bildern pro Sekunde, die der bisherige Rekordhalter "Der Hobbit" mit seinen 48 fps erreicht hatte. Als Gründe für diese technische Neuerung nannte Lee, dass er eine noch eindringlichere und realistischere Kinoerfahrung erzeugen wolle. Glaubt man den Kollegen aus Übersee – und das muss man, denn der Film kann weltweit in nur 6 Kinos in 120 fps gezeigt werden und keines dieser Kinos befindet sich in Europa – stört diese neue Technik eher das Sehvergnügen, als es zu bereichern. Zuschauer bemängelten das flache 3D und den teilweise hyperrealistischen Charakter der Bilder, der einen immer wieder aus dem Geschehen reißt. Die 120fps waren also ein Risiko, welches sich nicht ausgezahlt hat und vom Großteil der Zuschauer ohnehin nicht wahrgenommen werden kann.


Mit seinen Castingentscheidungen ging Lee dann ein weiteres Risiko ein. Joe Alwyn wurde für den Film nur zwei Tage nach seinem Abschluss an der London Royal Central School of Speech and Drama gecastet. Ein junges und unverbrauchtes Gesicht als Hauptdarsteller eines so großen Films zu wählen, beweist Mut seitens der Verantwortlichen. Mut, der ich aber leider nur zum Teil auszahlt. Während Alwyn zwar eine schauspielerisch tolle und sehr nuancierte Leistung abliefert, fehlt es ihm leider an Charisma, um einen so schweren Film auf seinen Schultern zu tragen. Zu seinem Glück funktioniert aber die Dynamik zwischen ihm und den anderen jungen Soldaten so gut, dass sie ihm einen Teil der Last abnehmen können. Auch in weiteren Nebenrollen besticht der Film mit ungewöhnlichen Castingentscheidungen. Während Vin Diesel als Sympathieträger mit nur wenigen, dafür aber sehr prägnanten Szenen eine durchaus nachvollziehbare Wahl ist, muss man sich fragen, was Ang Lee dazu bewogen hat, Kristen Mouthbreather Stewart als Schwester von Billy in Erscheinung treten zu lassen. Sie erfüllt zwar mit Ach und Krach ihren Zweck, bringt aber nicht ansatzweise das emotionale Gewicht zur Rolle, das benötigt wird. Ultimativ bricht der Cast leider unter dem immensen Gewicht des Films zusammen. Beschreibend für diesen Zustand ist, dass gerade Antischauspieler Vin Diesel eine der emotionalsten Szenen des Films zu verdanken ist.


Doch auch wenn sich die Risiken nicht ausgezahlt haben, kann Billy Lynn doch noch ein guter Film sein, oder? Nun ja, hätte sich jemand anders dem Drehbuch an- und im Vergleich zum Roman von Ben Fountain einige Veränderungen vorgenommen, dann hätte Billy Lynn vielleicht trotz all seines verfehlten Potentials ein guter Film werden können.Leider versteht sich der oscarprämierte Autor Simon Beaufoy ("Slumdog Millionär") aber nicht darin, die emotionale Bandbreite des Stoffs auf die Seiten des Drehbuchs zu übertragen.Was am Ende bleibt ist ein Film mit viel Potential, der aber an seinen eigenen Ambitionen scheitert und dem eine essenzielle Zutat für ein gutes Drama fehlt – Emotion.

4,5 von 10 I Love Yous

von Tobias Bangemann

Review: KALTER HAUCH - Die Feinmechanik des Tötens

Keine Kommentare:


                                                                      

Fakten:
Kalter Hauch (The Mechanic)
USA, 1972. Regie: Michael Winner. Buch: Lewis John Carlino. Mit: Charles Bronson, Jan-Michael Vincent, Keenan Wynn, Jill Ireland, Frank DeKova, James Davidson, Linda Ridgeway u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Arthur Bishop ist zwar nicht mehr der jüngste, aber immer noch einer der besten Auftragskiller. Mit absoluter Perfektion erledigt er seine Jobs, von seinen Gefühlen lässt er sich nicht leiten. Der Sohn seines letzten Opfers, der offenbar ähnlich skrupellose Steve, will von ihm das Geschäft erlernen. Nach anfänglicher Skepsis nimmt ihn Bishop unter seine Fittiche, was seine Auftraggeber nicht gerne sehen. Und als wenn das nicht schon problematisch genug wäre, hat Bishop bald guten Grund zu der Annahme, dass er Steve nicht bedingungslos trauen kann.

                                                                                                                                                    
Meinung:
Zwei wie Pech und Schwefel: Insgesamt 5 Filme dreht Michael Winner mit seinem Lieblingsdarsteller Charles Bronson, am berühmtesten davon wohl die ersten drei Teile der berüchtigten Death-Wish-Reihe, die vom harten Selbstjustiz-Reißer irgendwann (in den Fingern von CANNON) zur absurden Trash-Orgie wurde. Ihre zweite Zusammenarbeit aus dem Jahr 1972 ist Kalter Hauch, dem 2011 mit The Mechanic (so auch hier der weitaus treffendere Original-Titel) ein Remake beschert wurde (inklusive dem im letzten Jahr erschienenen Sequel Mechanic: Resurrection) , das mit der Vorlage aber nur noch die grobe Handlung gemein hat und eigentlich auch nur ein weiteres, ganz auf das Image seines Stars zugeschnittenes Jason-Statham-Action-Vehikel darstellt.


Könnten beide mal wieder zum Friseur...
Charles Bronson spielt das, was er idealerweise meistens gespielt hat, da er das wohl auch am besten konnte: Einen stoisch-wortkargen, harten Hund. In dem Fall den „Mechaniker“ Arthur Bishop. Der schraubt nichts zusammen oder auseinander, höchstens mal eine Herdplatte um die Gasleitung zu manipulieren. Bishop ist Auftragskiller. Keiner der stürmischen Sorte, sondern ein präziser Profi, der sein nächstes Opfer studiert, beobachtet, sich einen Plan zusammenlegt und auf den richtigen Moment wartet, den Job so sauber, so diskret (was bedeutet, das Dahinscheiden „zufällig“ oder „unglücklich“ aussehen zu lassen) wie nur irgend möglich zu erledigen. Das erfordert Geduld, Disziplin, perfektes Timing und Akribie. Nichts scheint den sich bereits im goldenen Herbst seiner Karriere befindenden Hitman aus der Ruhe zu bringen, was seine auf wenig Aufsehen wertlegende Auftraggeber zu schätzen wissen. Ganz gegen seine Natur lässt er sich nach hartnäckiger Begattung vom Jungspund Steve weichkochen, ihn in sein Business einzuführen und zu seinem Partner zu machen. Der Beginn einer Schüler-Lehrer- und beinah schon Vater-Sohn-Beziehung, obwohl der angehende Kronprinz mehr Probleme als erwünscht mit sich bringt und neben einer ausgeprägt soziopathischen Ader grundsätzlich niemand ist, dem man nur für fünf Pfennig über den Weg trauen sollte.


...aber in dem Job hat man für so was keine Zeit.
Mehr als 15 Minuten dauert es, bis in Kalter Hauch die ersten Worte gesprochen werden. Der Anfang gehört ganz Charly Bronson, dem wir bei der Arbeit zusehen dürfen und sofort einen Eindruck bekommen, warum der alte Herr immer noch die Nummer 1 im Geschäft ist. Statt das Ziel einfach durchs offene Fenster ins Sniper-Visier zu nehmen, wird ein deutlich aufwändigerer und komplizierterer Weg gewählt. Das sorgt zwar im Endeffekt für mehr Chaos, dafür werden hinterher wahrscheinlich keine lästigen Fragen gestellt. Ein markanter, ein stilistisch aufregender Auftakt, mit dem Michael Winner gekonnt die Grundstimmung des Films prägt und ansatzweise an Klassiker wie Rififi oder Der eiskalte Engel erinnert. Über die Protagonisten erfährt man nur das Nötigste, wenn überhaupt. Es werden keine detaillierten Charakterprofile erschaffen, besonders der später dazu stoßende Steve (Jan-Michael Vincent) lässt sich niemals in die Karten gucken, was der Figur eine enorme Eiseskälte und Unberechenbarkeit verleiht. Das passt zum allgemeinen Ton, in dem Gewalt und Mord als rein geschäftliche Sachen abgetan werden, allerdings auch eine gewisse Passion unter der Oberfläche schimmert, deren Ursprung sich – zumindest bei Bishop – vielleicht grob erahnen lässt.


Ganz im Stil des ruppig-direkten Kinos der frühen 70er läuft Kalter Hauch in seinen besten Momenten wie eine gut geölte Maschine. Weiß seine Actionmomente gut dosiert zu servieren, geballt natürlich im bleihaltigen Showdown. Dazwischen wird mehr Wert auf die nihilistische Wirkung seiner nur mit (maximal) Anti-Helden ausgestatteten Geschichte gelegt, die leider zwischendrin deutlich Dynamik vermissen lässt und mit einem teilweise grobschlächtigen Skript zu kämpfen hat. Was erstaunlich elegant beginnt und zünftig-roh seinen Abschluss findet streckt sich im Mittelteil etwas zu ausgiebig, lässt gewisse Plausibilitätsfragen im Raum verenden, während eher nebensächliche Momente bald unnütz in die Länge gezogen werden. Kalter Hauch hat eindeutigen Pacing- und Feinschliffprobleme, die ihn nicht nur aus heutiger Sicht leicht wackelig dastehen lassen, kann allerdings das in Schlüsselszenen noch relativ gut auffangen. Nicht unbedingt der große Klassiker schlechthin, trotz seiner Ungereimtheiten aber noch ein ordentlicher Streifen, der sowohl bei Winner und Bronson (der natürlich einen überlebensgroßen Spiel mir das Lied vom Tod in seiner Vita stehen hat) im oberen Drittel gelistet werden muss. 

6,5 von 10 Nachrichten am Rückspiegel

xXx - DIE RÜCKKEHR DES XANDER CAGE - Ein knuffiger Spielplatz unter Geheimagenten.

1 Kommentar:

Fakten:
xXx – Die Rückkehr des Xander Cage (xXx – The Return of Xander Cage)
USA, China. 2016. Regie: D.J. Caruso. Buch: F. Scott Frazier. Mit: Vin Diesel, Donnie Yen, Toni Collette, Ruby Rose, Tony Jaa, Rory McCann, Nina Dobrev, Deepika Padukone, Kris Wu, Samuel L. Jackson, Nyjah Huston, Neymar, Al Sapienza u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Nach einem Zwischenfall wurde Xander Cage (Vin Diesel) für tot erklärt. Doch in Wahrheit ist der einst zum Agenten ausgebildete Extremsportler quicklebendig. In einer neuen geheimen Mission wird er von seinem Vorgesetzten Augustus Gibbons (Samuel L. Jackson) auf einen gefährlichen Top-Secret-Auftrag geschickt. Der Krieger Xiang (Donnie Yen) und sein Team düsterer Handlanger wollen sich eine Waffen namens Pandoras Box unter den Nagel reißen. Also rekrutiert Xander Cage seine ganz eigene neue Gruppe begabter Adrenalinjunkies, um ihm das Handwerk zu legen. Doch schnell findet er heraus, dass die Verschwörung, der er auf der Spur ist, bis in die höchsten Kreise der Regierung reicht.




Kritik:
Eine Grundvoraussetzung, die ich mir für diesen Film vorstellen kann, ist die Anwesenheit von Energydrinks im Kinosaal, der ich von Vornherein auch ohne Bedenken Folge leistete. Soviel Taurin wie nötig kriegt man aber kaum runter bei den Mengen an „Boah, ey“, die D.J. Caruso von einem abverlangt, wenn seine Superagenten voll mit Red Bull extrem die Welt retten, poppig ums Poppen herum mit Vehikeln und Muskeln gegen jede Physik posieren. „xXx: Die Rückkehr des Xander Cage“, der dritte Film seiner Art, schaut im Jahre 2017 noch immer der Jugend hinterher und hält sich seit 2002 jung, versammelt Unmengen taufrischer Weiblichkeit um Grinsepöker Vin Diesel, der stets gut genug drauf ist, seine ältesten Stoffe erneut auszugraben und verstärkt mit Patchwork-Familien zu füttern. Der Freudenspender und sportliche Hallodri mit Glatze hat es dafür anfangs noch mit einer Konkurrenz an Geistern zu tun, die unter Serena Unger (Deepika Padukone), Xiang (Donnie Yen) und Talon (Tony Jaa) zwar fauststark auf die Regierung einschlagen, aber da schon wieder zu cool sind, als dass man ihnen auf Dauer den Bösewichtstatus abnimmt – Xander Cage (Diesel) fällt genauso wenig drauf rein. Wer's drauf hat, hat's eben so richtig drauf und obwohl Regisseur Caruso in seiner Inszenierung teils hyperchaotisch an der Kinetik vorbei hechtet, braut sich allen voran die Asia-Connection um Yen und Jaa einen Hauptgewinn an Sympathie sowie schicken Knochenbrüchen zusammen. Da kann der alte Gibbons (Samuel L. Jackson) noch so energisch versuchen, Fußballikone Neymar zu rekrutieren, auch wenn das Vorstellungsgespräch darum schon eine Lebhaftigkeit innehat, die man dem politischen Klima des Ganzen nimmer zuschreiben würde.


Wie die Reihe an sich riecht es hier verdächtig nach Bush-Ära und wenn man schon den Typen hinter „Eagle Eye“ und „Disturbia“ aus der Mottenkiste herausholt, bringt der seinen Fetisch über die Gefahr von Satelliten selbstverständlich zentral mit. Glücklicherweise sind die kampferprobten Pseudo-Erwachsenen im US-regierungsinternen xXx-Programm ein Bündel an Kulturen, die der steifen Ansage zum Patriotismus via Chefin Jane Marke (Toni Collette als stylish-strenger Straight Man voller „Assholes“ im Wortschatz) Stinkefinger und Tattoos entgegenstrecken, auch wenn das gemeinsame Markenbanner manch bedenkliche Grauzonen dem Image wegen ausklammert. Man steht permanent über den Dingen und feiert sich selbst, genauso aber auch die Gadgets, Knarren und militaristischen Skills, die sich offen martialisch auf der Suche nach der Büchse der Pandora machen müssen, welche als Macguffin so den extrem einfallslosen Namen überhaupt trägt. Der Story-Konsens an Geheimdienstmachenschaften, Intrigen, Doppelspielen und globalem Antiterror-Bumm-Bumm geht einem ohnehin mehr bleiern auf den Senkel als es die vielen kecken Einzelmomente vom Glück der Secret-Honks wieder ungeniert eskapistisch ausgleichen. Wie Xander Cage z.B. bereits im Intro für seine Dschungel-Ski- und Skateboard-Eskapaden von der Dominikanischen Republik abgefeiert wird, einfach so die fröhlichen Blicke aller (auch im Publikum) erntet, Zeitlupen und Dubstep mit technischem Nonsens auf die Kleinigkeiten der Solidarität einfahren lässt – das fetzt!


Äußert sich natürlich noch mit gleichsam oberschlauen wie superblöden Phrasen, doch jenen Reiz an Naivität und Trivialität wünscht man sich ja schon, sobald man ein Ticket für diesen Film löst und weiß Gott keinen weiteren „Spectre“ geliefert bekommen will. Menschen dürfen hier drin ja auch niedlich sein und drollige Manöver füreinander leisten – Qualitäten, deren Leinwandtauglichkeit hier u.a. mit einem Riesenfellmantel auf Diesel untermauert wird sowie dessen potenziellen Machismo absurd verquickt, wie dann später auch ein Mordanschlag dadurch verhindert wird, dass man am DJ-Pult eine fette Danceparty startet. Wo dann aber der letzte Schliff fehlt, mit dem die Eskalationen an kollektiver Extremsportlaune auf der Jagd nach Codes und allerlei einen Sog aufbieten könnten, ist die Tatsache, dass alle Figuren im Verlauf so ziemlich nichts dazu lernen, immerhin miteinander auf die Freundschaft anstoßen, aber in ihren Funktionen auf Freeze-Frame-Steckbriefe à la „Suicide Squad“ beschränkt bleiben. Jener Film wird durchaus an Stringenz überboten, die Prozedur jagt sich trotzdem überhastet um den halben Weltball, um ihre Allianzen auf die Probe zu stellen. Hier wie dort ist sodann ebenso nicht jede Persönlichkeit von engagierter Lässigkeit gekennzeichnet bzw. fähig vom Drehbuch zusammengezimmert: Assistentin Becky (Nina Dobrev) labert sich permanent den plattesten Nerd-Kram von der Pelle, Demolotion-Depp Tennyson (Rory McCann) ist auf spekulative Skurrilität geeicht und die Lesben-Klischees an Sniperkoriphäe Adele Wolff (Ruby Rose) sind ebenso nur mäßig toll.


Die überspitzten Lifestyle-Fantasien im Ensemble reißen sich dann aber doch zusammen, um russischen Black Ops mit chargierender Abgeklärtheit den Wind aus den Segeln zu nehmen oder auch ein Rennen der Weltmächte ausgerechnet mitten in Detroit zu veranstalten, wo schlicht kein Autofahrer vom Fight-Krawall der Ultra-Bonds beeindruckt scheint, was an sich schon einfach witzig ist. Die Typen springen ja auch wie Flummis mehrmals um die eigene Achse und bringen genauso chronisch ihre individuellen Slogans zu Wort, um eine durchgedachte Handlung zu suggerieren. Ob das Skript dabei mehr als nur die Summe an Actionszenario-Aufhängern ergibt, steht wahrscheinlich kaum zur Debatte, doch mit der Devise des Kurzweils wird konsequenterweise nie wirklich gebrochen, wenn Autor F. Scott Frazier auch Beliebigkeiten à la Tele-Shopping aufdrängelt und stapelt. Superdoof zu sein ist auch ein bisschen superdope, eben auch ein Quell kindlichen Enthusiasmus, der einst im Bahnhofskino rauf und runter lief, nun größer als groß in 3D vom Tagtraum des Jungskinos berichtet, der sogar seinen verstärkten Hang zur Inklusion noch hauptsächlich auf pubertären Sexappeal gründet. D.J. Caruso am Steuer ist für solch ein Unterfangen eine bezeichnet planlose Wahl geworden, blickt fast schon passiv auf seine Wundertüte voller Kintopp-Spielzeuge (Stichwort: Eisenfäuste!), doch wenn sich die Omnipräsenz des knuffigen Diesels noch so kontinuierlich selbst zu feiern versteht, findet sie spätestens zum nächsten Abenteuer noch nen wilderen Springteufel hinter der Kamera. Vor der Kamera sind ja schon mit die besten am Start.


6 von 10 Fallschirmsprüngen


vom Witte

Review: JUNGES LICHT – Coming-of-Age aus Deutschland

Keine Kommentare:
Fakten:
Junges Licht
DE. 2016. Regie: Adolf Winkelmann. Buch: Till Beckmann, Nils Beckmann, Adolf Winkelmann, Ralf Rothmann (Vorlage). Mit: Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Magdalena Matz, Stephan Kampwirth, Peter Lohmeyer, Nina Petri u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Die 60er-Jahre, ein Sommer im Ruhrgebiet. Der Krieg ist vorbei. Das Ruhrgebiet sorgt mit Kohle und Stahl für das Wirtschaftswunder und den Fortschritt der gesamten Republik. Die Gastarbeiter sind schon da und Tante-Emma-Läden noch rentabel; Rauchen gilt nicht als gesundheitsgefährdend und Currywurst als nahrhaft. Während die Männer unter Tage malochen, vertreiben sich die Jungen ihre Zeit mit Zigaretten, Bier und Obszönitäten. Doch der 12-jährige Julian ist anders. Er kümmert sich liebevoll um seine kleine Schwester, schmiert Brote für seinen Vater und dient sonntags in der Messe. Mit Neugier beobachtet er, was um ihn herum geschieht. Besonders angetan hat es ihm die frühreife Nachbarstochter Marusha, die jedoch nicht nur den Jungen fasziniert.




Meinung:
Die Nachkriegszeit, sprich die 50er und 60er Jahre, haben im deutschen Film lange Zeit eine übergeordnete Rolle gespielt. Waren es einerseits Heimatfilme, die erneut Wertvorstellungen vermitteln und die Wichtigkeit von Zusammenhaft hervorheben wollten, so fanden andererseits auch klassische Dramen ihren Weg in die Kinos. Die Romanadaption Junges Licht widmet sich erneut dieser bereits verlorengegangenen Art von Nachkriegsfilm und koppelt sie mit einer moderneren Entwicklung, dem Coming-of-Age Film. Dabei ist der neueste Film von Adolf Winkelmann im positiven wie negativem Sinne altmodisch.

 
Sonntagsausflug
Als Mischung aus Nachkriegsdrama und Coming-of-Age Film wirkt Junges Licht oftmals recht unentschlossen, welcher Facette er sich vorrangig widmen will. Gelingt es ihm zunächst gut die Hoffnungs- und vor allem Ausweglosigkeit des alltäglichen Lebens der damaligen Zeit zu porträtieren, so verliert er sich später etwas zu stark im typischen Erwachsenwerdens des Protagonisten. Gerade ein Satz wie: „Abhauen gibt’s nicht, wär schön, aber gibt’s nicht“, welchen der einfache Familienvater gegen Ende des Films äußert, hallt nach. Im Kontrast zu all den Erwachsenen, die ihre Träume und Ziele bereits aufgegeben haben, funktioniert der junge Julian als Hauptfigur wirklich gut, auch wenn er immer wieder droht in etwas naive Klischees abzudriften. Vieles wirkt vertraut, was man dem Film sowohl als Vor- wie auch als Nachteil auslegen kann. Hat man diese Elemente einfach zu oft gesehen oder schafft es Junges Licht schlichtweg die Befindlichkeit dessen, was typisch Deutsch ist, einzufangen? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen, was den Film auf jeden Fall zu einer (be)lohnenden Erfahrung macht, denn oftmals kann die Auseinandersetzung selbst, ungeachtet der filmischen Qualität, bereits Grund genug sein. Glücklicherweise bietet diese Romanadaption in beiderlei Hinsicht etwas.

 
Frühstück im Pott
Neben einer ruhigen und unauffälligen Inszenierung fallen immer wieder Spielereien mit dem Format auf, die den ansonsten sehr klassischen Film auflockern. Leider ist der Wechsel zwischen schwarz-weiß und der Sprung vom Breitbild- zum 4:3-Format, der immer wieder stattfindet, nicht mehr als reine Spielerei. Als simples Wachrütteln des Zuschauers funktioniert der auffällige Formatwechsel durchaus, doch darüber hinaus scheint er weder bestimmten Gesetzmäßigkeiten zu folgen, noch von inhaltlicher Relevanz zu sein. Schade, hätte man diesen formalen Ansatz ernster genommen und bewusster eingesetzt, dann hätte der ansonsten eher im Erzählkino verankerte Film auch aus ästhetischer Hinsicht relevant sein können. So funktioniert das Ganze immerhin als markante Erinnerung daran, wie sehr sich das Medium in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt hat. Dennoch wäre mehr möglich gewesen und vielleicht ist dieser fehlende Wagemut auch symptomatisch für das, was im deutschen Kino noch viel zu oft fehlt. Trotzdem, und das soll erneut betont werden, ist Junges Licht ein durchaus sehenswerter Beitrag, der im gerade für den deutschen Film überaus gelungenem Jahr 2016 zwar etwas hinter den Höhepunkten zurückfällt, aber nichtsdestotrotz einen erwähnenswerten Beitrag darstellt.

Junges Licht wird als Zeit- und vor allem Ortsporträt vor allem diejenigen erreichen, die einen persönlichen Bezug zu dem Film aufbauen können. Das kann in vielerlei Hinsicht funktionieren, durch Identifikation mit dem jungen Julian, Antizipation der damaligen Umwelt oder dem Wiederfinden inmitten der authentischen Welt. Dabei hilft es natürlich ungemein, wenn man mit der damaligen Zeit oder auch nur dem Ruhrgebiet etwas verbindet, denn genau für diese Zuschauer wurde die Romanadaption wohl gedreht. Doch auch alle anderen dürfen einen wirklich ordentlich erzählt, gespielt und inszenierten Film genießen.


6 von 10 Mal von Zuhause abgehaut

Review: OPERATION AVALANCHE – Einmal zum Mond, bitte!

Keine Kommentare:
Fakten:
Operation Avalanche
USA. 2016. Regie: Matt Johnson. Buch: Josh Boles & Matt Johnson. Mit: Matt Johnson, Owen Williams, Krista Madison, Madeleine Sims-Fewer, Sharon Belle u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
1967, der Kalte Krieg befindet sich auf seinem Höhepunkt. Die CIA hegt den Verdacht, dass sich ein russischer Maulwurf bei der NASA eingeschlichen hat, um das Apollo-Programm zu sabotieren. Sie schicken zwei junge Agenten, um getarnt als Dokumentarfilmer verdeckte Ermittlungen aufzunehmen. Doch was sie bei der Raumfahrtbehörde entdecken, ist weit schockierender als russische Spione.




Meinung:
Jeder kennt sie und obwohl sie ebenso verrückt wie amüsant sein können, kommt man hin und wieder gerne auf sie zu sprechen. Die Rede ist von Verschwörungstheorien. Gerade wenn der Abend etwas später und die Gläser etwas leerer werden, gerät man leicht ins fröhliche Konspirieren und Fachsimpeln. Eines der beliebtesten und hartnäckigsten Gerüchte ist wohl jenes, dass die Mondladung im Jahre 1969 nie stattgefunden hat, sondern lediglich in einem Studio gedreht wurde um im Wettstreit mit Russland zu obsiegen. In semidokumentarischer Raffinesse schaut Operation Avalanche hinter die Kulissen und gibt sich selbst als gefundenes Filmmaterial aus, welches die „Filmemacher“ der Mondlandung parallel zur ihrem Dreh angefertigt haben.


Der Plan steht!
Pflichtbewusst beginnt der Film mit historischem Bildern. Die markante Rede Kennedys, in der er 1961 propagierte die Menschheit würde gegen Ende des Jahrzehnts auf dem Mond wandeln ist zunächst der zentrale Zündstoff für die Dramaturgie des Plots. Dass daraufhin ein Wettstreit zwischen Russland und Amerika ausbrach, der aufgrund des Kalten Krieges ohnehin nicht vermeidbar gewesen wäre, ist ein historisches Fakt. Ebenso, dass die Amerikaner den Wettlauf gewonnen und mit Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins die ersten Menschen auf den Mond gebracht haben. Doch bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass diese Landung nur fingiert worden wäre. Operation Avalanche dürfte die Anhänger dieser Theorie nun weiter befeuern, bereitet er in seinem dokumentarischen und historisch akkuraten Stil doch viele bekannten Argumente neu auf und liefert ein doch recht glaubwürdiges Bild wie es damals passiert sein könnte. Seine Wirkung will er natürlich daraus beziehen formal möglichst authentisch gefilmt und inhaltlich nachvollziehbar argumentiert zu sein. Das geht stellenweise durchaus auf, doch so ganz kann er den Grad an Immersion nicht hervorrufen, der für ein gelungenes Filmerlebnis notwendig gewesen wäre.


Der Mond oder doch nur ein Filmstudio?
Da hilft es auch wenig, dass Regisseur, Autor und Darsteller Matt Johnson peinlich darauf bedacht ist, sich selbst als großen Filmfan darzustellen. So hängt in fast jedem Büro der NASA ein übergroßes Filmplakat der damaligen Zeit und die Theorie, dass es sich dabei um seine eigenen Lieblingsfilme handelt ist sicherlich nicht so weit hergeholt wie die Thematik des Films. Den Höhepunkt erreicht der Film dann, wenn Stanley Kubrick miteingebunden wird und sogar einen kurzen Auftritt genießen darf. Sicherlich wissen die meisten Filmfans, dass der berühmte Brite immer wieder in Kontakt mit der angeblich gefilmten Mondlandung gebracht wird und in manchen Theorien selbst die Kamera bedient haben sollte. In Operation Avalanche wird er lediglich heimlich am Set von 2001 besucht und dabei wird ihm eine wegweisende Technik abgeluchst, welche die Protagonisten benötigen, um dem fingierten Video die notwendige Glaubhaftigkeit zu verleihen. Natürlich kommt die Hauptfigur nicht drum herum sich ein Autogramm zu besorgen und ihre Bewunderung für den Regisseur offen zu bekunden. Die Mechanismen des Films indes gleichen oftmals diesem Prozess der Anbiederung und so wirkt vieles ein Stück weit zu gewollt und als Zeitgeistporträt eher eine Huldigung als ein differenziertes historisches Abbild.


Mit dem Film verhält es sich letztlich ähnlich wie mit allen anderen Verschwörungstheorien auch. Die Idee an sich ist interessant, aber auf 90 Minuten gestreckt will das nicht recht funktionieren, denn überzeugen kann eher der Gedanke selbst und weniger die denunzierte Ausführung des selbigen. Das formale Konzept ist nett, aber schafft es trotzdem nicht seinen einzigen Zweck (nämlich Echtheit zu suggerieren) gerecht zu werden. Dafür ist die Inszenierung zu bedacht nostalgisch und altmodisch, die Konflikte ein Stück zu konstruiert und die Geschichte selbst zu sehr darauf ausgelegt dramaturgischem Regelwerk zu folgen. Ein Reinfall sieht trotzdem anders aus, denn die ein oder andere Anekdote macht ebenso viel Spaß wie der zwar sehr gefällige, aber nichtsdestotrotz wirkungsvolle Soundtrack.


5 von 10 Aluhüten

Review: THE WAILING – Der Wahnsinn hält Einzug

Keine Kommentare:
Fakten:
The Wailing (Gokseong)
KR. 2016. Regie & Buch: Na Hong-jin. Mit: Kwak Do-won, Hwang Jung-min, Chun Woo-hee, Jun Kunimura, Kim Hwan-hee u.a. Länge: 156 Minuten. FSK: ungeprüft. Noch kein deutscher Starttermin.


Story:
Eine seltsame Krankheit macht sich breit in dem kleinen Dorf in Südkorea. Menschen zerfleischen sich gegenseitig, haben seltsame Blasen auf der Haut und verfallen dem Wahn. Der etwas trottelige Polizist Jong-Goo soll Gerüchten auf den Grund gehen und stößt an seine Grenzen, als seine eigene Tochter ebenfalls betroffen ist. Alsbald deckt sich mehr auf, als irgendein Mensch je wissen wollte.


      


Meinung:
Schon seit einigen Jahren ist Südkorea der neuentdeckte Markt für knallharte Action, kompromisslose Genrefilme und ungezügelte Thrillerkost. Von einem Geheimtipp kann man mittlerweile gar nicht mehr sprechen, haben einige der erfolgreichsten Regisseure doch bereits weltweiten Ruhm erlangt und in den vergangenen Jahren auch Hollywoodprojekte realisiert. Dennoch handelt es sich bei den Filmen, die es auf unseren westlichen Markt schaffen meistens um Kollaborationen der gleichen Ansammlung an Akteuren und Regisseuren. Abseits davon ist es um die Veröffentlichungspolitik jedoch deutlich schwieriger bestellt und so muss ein Film wie The Wailing auch nach lobender Festivalteilnahme auf einen deutschen Release warten – und das obwohl sein Regisseur Na Hong-jin bereits zwei bekanntere Vertreter dieses neuen Kinos abgeliefert hat.


Schlechtes Wetter steht auf der Tagesordnung
The Wailing beginnt ruhig, geradezu bedächtig fängt er ein optisch beeindruckendes Landschaftspanorama ein und präsentiert daraufhin einen älteren Mann beim entspannten Angeln. So friedlich und unbeschwert soll es in den darauffolgenden zweieinhalb Stunden freilich nicht mehr zugehen, denn schon im nächsten Augenblick wird unser Protagonist Jeon Jong-gu in den frühen Morgenstunden geweckt und als Polizist zum Tatort eines grausamen Verbrechens beordert. Der blutige Mord an einer kompletten Familie und der mit seltsamen Auswüchsen bedeckte Täter sind jedoch nur der Anfang eines blutrünstigen Abstrusitätenkabinetts, welches zusehends die komplette Kleinstadt in Beschlag nimmt. Der Wahnsinn hält Einzug und die Bewohner sind ratlos. Auch der ohnehin etwas tollpatschige Jeon und seine Kollegen kommen bei den Ermittlungen nicht recht weit und sitzen eher ihre Zeit ab als wirkliche Nachforschungen anzustreben. The Wailing lässt sich einiges an Zeit, bevor er seinen Konflikt zuspitzt, verdichtet währenddessen jedoch gekonnt seine Atmosphäre und erzeugt Spannung, indem er die verfluchte Stadt weiter in den Abgrund reißt. Von persönlichen Motiven angetrieben muss auch Jeon seine Grenzen überschreiten, bevor er das Schicksal seiner Familie in dem emotional äußerst wirkungsvollen Schlussakt selbst in der Hand hat.


Besser draußen bleiben!
Für manche Zuschauer dürfte The Wailing durchaus zu einer Geduldsprobe verkommen, erzählt er seine Geschichte doch keinesfalls pointiert und direkt, sondern schweift immer wieder ab um sich in atmosphärischer Tristesse dem Leid und der Verwirrung seiner Figuren zu widmen. Dabei reichert der Film seine Erzählung früh mit religiöser Symbolik an, die sich größtenteils jedoch erst nach dem Ende erschließt und zuvor reichlich nebulös zur allgemeinen Verunsicherung beiträgt. Über weite Strecken ist man der Hauptfigur gleich im schieren Wahnsinn der Situation gefangen ohne dabei einen wirklichen Ausweg zu erkennen und so gilt es fröhlich im Dunkeln zu tappen, bis man irgendwann das Licht am Horizont erblickt. Das liegt wohl auch daran, dass sich der dritte Film von Na Hong-jin nur bedingt an dramaturgische Konzepte und bewährte Elemente hält und somit im Laufe des Films vieles offenbleibt. Somit ist The Wailing wohl gerade für Genrekenner interessant, weil bekannte Stereotypen immer wieder von neuartigen Seiten betrachtet und damit beinahe subversiv montiert werden.


Selbst wenn man die ohnehin grundverschiedenen Sehgewohnheiten außenvorlässt, ist The Wailing immer noch ein sehr eigensinniger und andersartiger Film. Als düsteres Potpourri bedient er zahlreiche Elemente des Dramas, sowie des Horror-, Mystery- und Thrillergenres, gibt sich jedoch nicht mit den typischen Mustern zufrieden, sondern denkt viele Aspekte auf interessante Weiße um. Lange tappt man als Zuschauer ebenso wie der tollpatschige Protagonist im Dunkeln, ehe sich gegen Ende alle Fäden vereinen und die bisherigen Geschehnissen in einem anderen Licht beleuchtet werden. Erst dann offenbart The Wailing seine inhaltliche Raffinesse, ebenso wie einen Bezug zu weltlichen Geschehnissen, was ihm final noch eine deutlich stärkere Tragkraft verleiht.


8 von 10 mysteriösen Morden