Review: SWISS ARMY MAN – Eine furzende, sprechende Leiche als Allzweckwaffe

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Fakten:
Swiss Army Man
US, 2016. Regie & Buch: Dan Kwan, Daniel Scheinert. Mit: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead, Antonia Ribero, Timothy Eulich, Richard Gross, Marika Casteel u.a. Länge: ca. 97 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 13. Oktober 2016 im Kino.


Story:
Hank ist auf einer kleinen Insel irgendwo im Meer gestrandet und will seinem Leben ein Ende setzen. Als er sich mit einem selbstgebastelten Strick erhängen will, wird plötzlich eine Leiche am Strand angespült. Hank erkennt in dem Toten einen Wegbegleiter, dem er Geschichten erzählt oder Lieder vorsingt. Auf einmal beginnt der Tote mit ihm zu sprechen und entpuppt sich zudem noch als vielseitig einsetzbares Werkzeug. Gemeinsam versuchen Hank und Manny einen Weg von der Insel zu finden.






Meinung:
Einen Film wie "Swiss Army Man" hat es noch nie gegeben. Ein Prädikat, auf das Dan Kwan und Daniel Scheinert, die unter dem gemeinsamen Regie-Namen "DANIELS" zuvor Kurzfilme und Musikvideos drehten, mächtig stolz sein dürfen. Im Jahr 2016, wo selbst zwischen seelenlosen Hochglanz-Blockbustern, Comicverfilmungen, Sequels, Prequels oder Remakes immer wieder gerne der Satz geäußert wird, dass jede Geschichte auf irgendeine Weise schon mal dagewesen ist, wartet das Langfilmdebüt des Duos mit einer derart schrägen Prämisse auf, dass es schwierig wird, inhaltliche Parallelen zu ähnlichen Werken ziehen zu können.


Ein ganz besonderes Duo
Eröffnet wird der Film von einem beinahe tragischen Ereignis, bei dem sich Hauptfigur Hank erhängen will. Der junge Mann ist auf einer Insel mitten im Meer gestrandet und hat jegliche Hoffnung auf Rettung offenbar längst aufgegeben. Just in dem Moment, in dem er seinem Leben ein Ende setzen will, wird eine Leiche am Meeresufer angespült, die sofort Hanks Aufmerksamkeit weckt und ihn von seinem Vorhaben abbringt. Der vorerst leblose Körper dient dem verzweifelten Mann zunächst als stiller Begleiter, in dem Hank einen Partner findet, mit dem er über seine Gefühle und Sorgen reden kann. Schon nach kurzer Zeit kehrt allerdings plötzlich etwas Leben in den Leichnam zurück, welcher auf einmal zu sprechen beginnt und sich als Manny ausgibt. Manny hat sein gesamtes vorheriges Leben vergessen und weiß grundsätzlich nicht mehr, was das Leben an sich überhaupt ausmacht. Das Verhältnis zwischen beiden Figuren inszenieren Kwan und Scheinert von nun an als skurrile Tragikomödie, in der Hank Manny nicht nur in Grundlagen des Lebens schult, sondern auch einen äußerst wandelbaren Partner findet.


Eine der wenigen Fertigkeiten des Toten
Immer nah an der Grenze zur Gross-Out-Comedy loten die beiden Regisseure Mannys besondere Fertigkeiten in grotesk-schwarzhumorigen Szenen aus, in denen der erregte Penis des Toten beispielsweise als Kompass dient oder ständig ausgestoßene Flatulenzen als wundersamer Antrieb dienen, wenn Hank seinen verfaulenden Kumpel zum Motorboot zweckentfremdet und übers Meer braust. "Swiss Army Man" ist gespickt mit sonderbaren Einfällen dieser Art, bei denen sich Manny ganz gemäß dem Titel des Films als menschliches Schweizer Taschenmesser entpuppt. Daneben ist der Streifen aber auch mit ruhigeren, nachdenklichen Untertönen versehen, mit denen die Regisseure Hanks Innenleben ergründen. Hierdurch ergibt sich gleichzeitig das große Problem des Films, denn Kwan und Scheinert scheinen nie zu wissen, welchen Tonfall ihr Werk einschlagen soll und versuchen sich daher gleich an einer Handvoll atmosphärischer Stilrichtungen. So passiert es öfters, dass "Swiss Army Man" nach einem zuerst vulgär erscheinenden Dialog über Masturbation in tiefgründige Diskurse abdriftet, bei denen es darum geht, dass Hank in der größten Einsamkeit Trost findet, sein eigenes Selbst entdeckt und vor allem lernt, sich selbst so zu akzeptieren wie er ist und nicht von allgemeinen Normen verbiegen und unterdrücken lässt.


Durch dieses ständige Wechseln zwischen absurden Momenten und reifen Überlegungen sowie Erkenntnissen wirkt der Film oftmals sehr holprig, so als habe man einen unglaublich kreativen Ansatz, der leicht für einen besonderen Kurzfilm ausgereicht hätte, mit zu vielen Drehbuchänderungen in ein unpassendes Korsett gezwungen. Irritierend ist außerdem die Ästhetik, bei der die Regisseure aufgrund der fröhlichen, farbenfrohen Einstellungen und der völlig unpassenden Musikuntermalung vermutlich eine Parodie typischer Independent-Wohlfühlfilme im Sinn hatten. Ein subversiver Akt gegen diese Sorte von Filmen ist ihnen aber nicht geglückt, denn paradoxerweise suhlen sich die gefühlvollsten, extrovertiertesten Szenen des Films in genau dieser Ästhetik und Mentalität der Streifen, die eigentlich vorgeführt werden sollen. Paul Dano und Daniel Radcliffe verkörpern ihre herausfordernden Rollen überzeugend, doch neben dem exzellent gelungenen Finale, das einen vermutlich noch lange verfolgen wird und grübeln lässt, sind es eher hervorstechende Einzelmomente, die anstelle des durchwachsenen Gesamtwerks in Erinnerung bleiben werden.


6,5 von 10 nützliche Fürze



von Pat

Review: THE REZORT - WILLKOMMEN AUF DEAD ISLAND - Stromausfall im Zombie-Park

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Fakten:
The Rezort - Willkommen auf Dead Island (The Rezort)
GB, B, E, 2015. Regie: Steve Barker. Buch: Paul Gerstenberger. Mit: Jessica De Gouw, Dougray Scott, Martin McCann, Richard Laing, Jassa Ahluwalia, Claire Goose, Robert Firth, Jamie Ward, Elen Rhys u.a. Länge: ca. 91 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 16.9.2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Auf den Ausbruch eines Zombievirus folgte ein Krieg zwischen Menschen und Untoten, der 2 Milliarden Leben kostete. Letztlich siegte die Menschheit. Jahre später hat ein Konzern eine brillante Geschäftsidee entwickelt: Die letzten noch existenten Zombies werden auf einer Insel in einem hochgesicherten Arial gegen harte Währung zum Abschuss freigegeben. Auch Melanie nimmt an diesem Erlebnisurlaub teil, in der Hoffnung den Verlust ihrer Familie verarbeiten zu können. Doch dann legte ein Hackerangriff das Sicherheitssystem komplett lahm, was das risikolose Scheibenschießen in einen Kampf ums nackte Überleben verwandelt.

                                                                                       
Meinung:
„Wir im Paradies glauben nämlich daran, dass jede Apokalypse eine Aftershowparty verdient!“

2 Milliarden Opfer; eine Zivilisation im mühseligen, aber bisher recht erfolgreichen Wiederaufbau. Zahllose, heimat- und familienlose Flüchtlinge, doch die Welt muss sich weiterdrehen um warum nicht aus der Not eine Tugend bzw. eine goldene Gans machen? Nicht alle Zombies wurden im großen Krieg vernichtet, das lässt man sich jetzt scheibchenweise und lukrativ versilbern. Der Rubel rollt und zahlungswillige, waffengeile Pseudo-Adrenalinjunkies (die bitte nicht ernsthaft gefährdet werden wollen) dürfen auf Untoten-Safari gehen.


Bitte Lächeln...
Nicht schon wieder eine DTV-Produktion über die Zombokalypse. Das sollte die nachvollziehbare Reaktion vieler potenzieller Kunden sein, denn so langsam reicht echt, bei aller Liebe. Gefühlt vergehen keine zwei Wochen, in denen nicht ein weiterer „Dawn of the Dead“-Enkel durch die Verkaufsregale schleicht, alle mit mehr oder weniger identischem Inhalt und meist von niedriger Qualität. „The Rezort“ ließ nach Sichtung des Trailers leichte Hoffnung keimen, dass dies mal wieder ein Titel sein könnte, der sich von der ewig gleichen Suppe abheben könnte. So fair kann und sollte man sein, ansatzweise ist es auch so. Unverkennbar und natürlich auch kein Stück verschleiert eine Art „Jurassic Park“-Variante. Außer das hier nicht nur geguckt, sondern gerne auch gefeuert werden darf. Die Bestie Mensch darf seine sadistische, vergeltungssüchtige Ader ohne schlechtes Gewissen ausleben, schließlich werden eh nur bereits Tote nach Herzenslust zum Abschuss freigegeben. Fast stellt sich Mitleid mit den wehrlosen Opfern ein, wenn sie eingezäunt und hilflos von teilweise gerade so geschlechtsreifen Deppen feige abgeknallt werden.


Zonk oder Zombie? Tor 2, und bitte...
Eingebettet in den aus dem großen, prähistorischen Vorbild entnommenen Ablauf versucht „The Rezort“ sich neben dem üblichen Zombie-Survival an Gesellschaftskritik, sogar mit sehr aktuellem Zeitbezug, der sich positiv anrechnen lässt. Wenn er nicht so plump und vorhersehbar wäre deutlich mehr. Manche (der wenigen) eigenen Ideen in dem Kontext sind leider so lächerlich. Living Too, für die Rechte der Untoten. Satire in allen Ehren, wenn es denn eine sein soll, ist tatsächlich zweifelhaft in seiner angepeilten Intention. Den Geistesblitz zum Ende hin dürfte nur die Wenigsten überraschen (es stellt sich eh nach 10 Minuten die Frage, wie so ein Laden jahrelang laufen kann, wenn…), ist als Statement natürlich bemüht, aber  - so schlicht verkauft - keine kluge Parabel wie einst bei Romero. Als Versuch kann das stehen gelassen werden. Interessanter sollte die Umsetzung sein, der sich zumindest technisch nicht viel vorwerfen lässt. Ein ordentlich präsentiertes B-Movie, dessen Unterhaltungswert aufgrund nerviger Rollenklischees und wenig mitreißender Abläufe dem nicht ganz gerecht wird.


Die groben Fingerzeige ausgeklammert, ist „The Rezort“ trotz der spannenden Setting-Leihe auch nur wie ein Videospiel ohne Joypad. Laufen, schießen, sterben. Das kickt nicht, das kribbelt nicht. Es ist nicht schlecht, verglichen mit so manch anderen Scheiß-egal-Kollegen sicher okay, aber der Nutzen bleibt extrem überschaubar. Selbst für das anspruchslose Zwischendurch, denn auch da gibt es inzwischen genug Alternativen. 

4,5 von 10 Kollateralschäden

Review: BLOW UP – Weil wir nur das sehen, was wir sehen wollen.

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Fakten:
Blow Up (Blowup)
GB/IT. 1966. Regie: Michelangelo Antonioni. Buch: Michelangelo Antonioni, Julio Cortaza, Tonino Guerra. Mit: David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles, John Castle, Veruschka von Lehndorff, Jane Birkin, Gillian Hills. Länge: 111 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Als der Photograph Thomas in einem Park Bilder von einem Pärchen macht, wird er entdeckt. Die Frau verfolgt ihn bis zu seinem Atelier, wo sie um jeden Preis den Film haben will, auf dem sie verewigt ist. Thomas gibt ihr einen anderen Film und entdeckt auf den Bildern Verdächtiges: Er glaubt, einem Mord auf die Spur gekommen zu sein.




Meinung:
Michelangelo Antonioni gilt als einer der zentralen Regisseure der europäischen Filmgeschichte. Seine Werke hatten nachweislich großen Einfluss auf die Entwicklung der Bildästhetik und unter den italienischen Filmschaffenden nimmt er neben Fellini eine Sonderstellung ein. Obgleich er zahlreiche bewegende und tiefgehende Filme geschaffen hat, kann keiner davon seinen Meilenstein „Blow Up“ das Wasser reichen. Die Geschichte rund um einen englischen Modefotografen, die Brian de Palma später auch gekonnt nach Hollywood gebracht hat, zählt zu den vielschichtigsten der kompletten Filmgeschichte. Ein Film, der sich in seinem flüchtigen Ideenreichtum gerne einer eindeutigen Interpretation entzieht.


Ein Blick hinter die Kulissen
In seiner Deutung bleibt „Blow Up“ sehr ambivalent und viele Facetten erschließen sich erst beim wiederholten Schauen des Meisterwerks. Gerade nach der ersten Sichtung dürfte das viele Zuschauer verunsichern, denn Antonionis bester Film fordert einiges, belohnt im Gegenzug aber auch im selben Maße. Wer also keinen Zugang findet oder dem Gefühl erliegt die Gedankenwelt des Films nicht hinreichend greifen zu können, der sollte ihm wohl eine zweite Chance geben, denn „Blow Up“ ist durchaus ein Film, der sich bei weiteren Sichtungen sehr intuitiv erschließt. Aber was steckt nun dahinter? Antonionis Werk lässt sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht aufspalten, nur, dass diese Ebenen darüber hinaus alle ineinandergreifen. Zunächst steht natürlich die filmische Handlung per seim Zentrum, losgelöst von allen weiterführenden Gedanken und Interpretationen. Die Geschichte eines Londoner Fotografen, der zunächst seinen alltäglichen Tätigkeiten nachgeht und dadurch später durch Zufall einen vermeintlichen Mord dokumentiert. Dieser kurzmöglichste Abbruch des Inhalts führt zur zweiten Schicht, der reinen Gefühlsebene. Darin verkörpert „Blow Up“ natürlich das Lebensgefühl Swinging Sixties in London, welches sowohl durch die latenten sexuellen Spannungen im zwischenmenschlichen Bereich, als auch durch die stimmige Nachbildung der Musik-, Mode- und Gefühlswelt besticht (Der Jazz-Soundtrack von Herbie Hancock tut sein Übriges).


Prost!
Natürlich betrachtet er das damalige Lebensgefühl auch sehr kritisch und ironisiert einen Großteil davon, hauptsächlich natürlich in der bekannten Konzertszene. Und dennoch kann man sich einer gewissen Faszination dahinter nicht entziehen. Dahinter steht nämlich auch eine Auseinandersetzung mit Voyeurismus, etwas, dass das Kino per se seit jeher definiert. Denn als Fotograf ist Thomas genau das, und somit trotz seiner unsympathischen Art eine Identifikationsfigur, weil er hinter der Kamera den selben sicheren und überheblichen Standpunkt hat, den auch wir Zuschauer einnehmen können. In gewisser Weise hält uns Antonioni damit einen Spiegel vor und zeigt, dass wir als Betrachter nur reflektieren, jedoch nie eingreifen oder sogar etwas erschaffen können. Um sich davon zu lösen müsste man die Oberfläche selbst durchdringen und das gelingt uns Zuschauer paradoxerweise dann, wenn wir erkennen, dass Thomas dazu nicht im Stande ist. Ein Punkt, der im letzten Teil des Textes noch an Bedeutung gewinnt. Möchte man „Blow Up“ nun noch weiter untersuchen, so könnte man auch auf die postmodernen Aspekte des Films eingehen. Doch kommen wir an dieser Stelle besser zur essentiellen Deutung und Zusammenführung der bisherigen Erkenntnisse.


In seiner Einsamkeit verloren
Die wohl interessanteste und sicherlich auch zentrale Frage des Films lautet: Hat Thomas wirklich einen Mord fotografiert oder spielt sich alles nur in seiner verzehrten Wahrnehmung ab? Das wirklich Entscheidende daran ist, dass man dieser Frage auf allen Ebenen nachgehen kann und dabei unterschiedliche Antworten erhält. Auch die Gewichtung der Frage verschiebt sich, denn man könnte gegen Ende durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Beantwortung der selbigen komplett nebensächlich ist und lediglich die persönliche Wahrheit zählt. Eine These, die von der genialen Schlussszene durchaus bekräftigt wird. Folgt man diesem Gedanken dann kommt man aber auch zu dem Schluss, dass Thomas daran glauben will einen Mord fotografiert zu haben. Und hier wird es interessant, denn gerade diese bewusste Entscheidung führt zur entscheidenden Thematik des Films, nämlich der verzehrten Selbstwahrnehmung eines Mannes über seinen eigenen Status in der Gesellschaft. Ja, Thomas sieht sich selbst als Künstler, lebt mit dem wohligen Gefühl der Überlegenheit, welches er auch spürbar an seiner Umwelt ablässt. Die Lustlosigkeit mit der er seiner kommerziellen Arbeit (Modefotografie) nachgeht ist konsequent spürbar, und gewiss stammt sein Missmut darüber auch daher, dass sie ihm vor Augen führt wie bedeutungslos er eigentlich ist.


Das Fotografieren im Park und die darauffolgende Scheinerkenntnis eines Mordes ist der verzweifelte Versuch sich als Künstler zu rehabilitieren, Bedeutung in seinem Schaffen zu finden. Er projiziert seine Wunschvorstellungen, und wenn er in der Schlüsselszene des Films seine Aufnahmen immer weiter vergrößert, damit verzweifelt versucht die Oberfläche zu durchdringen und in seinem Scheitern Bedeutung zu finden, dann bringt dieser Versuch sein künstlerisches Versagen auf den Punkt. Der Schlussakkord wird damit zu etwas extrem Tragischen, gibt sich Thomas doch vollends seiner persönlichen Wahrheit hin und schafft es dadurch nicht seine eigene Impotenz als Künstler zu überwinden, gar zu erkennen.


10 von 10 Tennisspiele ohne Ball 

Review: DON'T BREATHE – In´s falsche Haus eingebrochen

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Fakten:
Don't Breathe
US, 2016. Regie: Fede Alvarez. Buch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues. Mit: Jane Levy, Dylan Minnette, Daniel Zovatto, Stephen Lang, Emma Bercovici, Sergej Onopko u.a. Länge: 89 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.


Story:
Um über die Runden zu kommen, begehen die drei Teenager Money, Alex und Rocky Einbrüche, um die erbeuteten Güter weiterzuverkaufen. Ihr nächstes Ziel ist dabei besonders vielversprechend. Ein alter, blinder Armee-Veteran, der mit einer üppigen Abfindung alleine in einem Haus lebt, soll dem Trio endgültig die nötige Summe beschaffen, um die heruntergekommene Gegend Detroits, in der sie leben, für immer hinter sich zu lassen. Der geplante Raubzug läuft allerdings alles andere als glatt, denn der blinde Mann weiß sich durchaus zu wehren...




Meinung:
Fede Alvarez ist wie ein Komet in die Filmlandschaft eingeschlagen. Als bekannt wurde, dass der Regisseur nach einigen zuvor gedrehten Kurzfilmen ein Remake von Sam Raimis kultisch gefeierten "Evil Dead" drehen wird, stand vielen Fans des Originals weißer Schaum vor dem Mund. Zu groß waren die Bedenken, dass einem wieder einmal eine überflüssige, weichgespülte PG13-Variante eines unglaublich rohen, wilden Debüt-Klassikers vorgesetzt werden würde. Doch Alvarez zog schließlich so gut wie jeden Skeptiker auf seine Seite, denn sein "Evil Dead" aus dem Jahr 2013 war eine ungeschönte, ebenfalls äußerst blutige sowie makabere Neuinterpretation von Raimis Vorlage, welche die Grenzen des multiplexfreundlichen Mainstream-Horrors erbarmungslos austeste und dabei inhaltlich auch noch eigene Akzente gegenüber dem Original setzte.


Die drei hätten sich lieber mal ein anderes Haus ausgesucht
Mit seinem nun nachfolgenden Werk "Don't Breathe" nutzt Alvarez seine Vorschusslorbeeren nicht etwa, um sich in sämtlichen Bereichen noch zu steigern, sondern inszeniert einen wunderbar reduzierten Thriller, in dem sich die Spannung teilweise so unerträglich zuspitzt, dass der Titel dem Film alle Ehre macht. Nur noch dieser letzte Einbruch, und die drei Protagonisten des Films wären der Freiheit so nahe wie nie. Money, Alex und Rocky sind drei Teenager, die aus eher ärmlicheren Verhältnissen stammen und im mittlerweile fast schon gespenstisch wirkenden Detroit leben. Um sich den Alltag zu finanzieren, brechen sie in Häuser ein und verkaufen das erbeutete Diebesgut gegen Bargeld. Einfach nur über die Runden zu kommen reicht Rocky aber nicht mehr. Mit ihrer kleinen Schwester will sie nach Kalifornien fliehen, denn zuhause erwartet die Geschwister nur eine verantwortungslose Mutter, die auf der Couch liegt und neue Liebhaber anschleppt. Als das Trio erfährt, dass ein alter, blinder Armee-Veteran nach dem Unfalltod seiner Tochter alleine auf einer gewaltigen Abfindung sitzt, wittern sie die Chance, mit diesem letzten Coup endlich finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Alvarez nutzt den Einstieg seines Films, um den drei Hauptfiguren zunächst so viel Profil wie nötig zu verleihen.


Eine falsche Bewegung könnte die letzte sein
Als sich das Trio schließlich Zugang in das Haus des blinden Mannes verschafft, lässt der Regisseur mit quälender, aber zielstrebiger Langsamkeit die Hölle ausbrechen. Ähnlich wie in David Finchers "Panic Room" gleitet und schwebt die Kamera in langen Einstellungen durch die Räumlichkeiten, begleitet die Figuren und etabliert das Setting, in dem sich der gesamte Rest des Streifens fortwährend abspielen wird. Als den Figuren klar wird, dass sie sich womöglich das falsche Haus für einen Einbruch ausgesucht haben, ist es bereits zu spät. "Don't Breathe" entwickelt sich von nun an zu einem beklemmend intensiven Thriller, in dem Alvarez die Spannung gekonnt mit verschiedenen Techniken aufrecht erhält. In einigen Momenten hört man nichts anderes, als den eigenen Atem und das laute Klopfen seines Herzschlags, da der Regisseur absolute Stille einsetzt, um das Katz- und Mausspiel auf engem Raum zu einem verzwickten Überlebenskampf umzumünzen. Alvarez beherrscht die Klaviatur des Terrors erstaunlich gut, wenn jede einzelne Bewegung bis zum Maximum ausgereizt wird, das kleinste Geräusch zur fatalen, gewalttätigen Implosion führen kann, vereinzelte Szenen in brachiale Körperlichkeit explodieren und ein paar Einstellungen in Zeitlupe den Höhepunkt der unangenehmen Spannung fast schon sadistisch ausschlachten.


Blind, aber trotzdem überlegen
In einigen Szenen funktioniert die Logik des Films gewiss nicht einwandfrei und das Verhalten der Figuren gestaltet sich als fragwürdig. Es sind Momente, die in anderen Thrillern dieser Art ebenfalls gerne enthalten sind und bei denen man sich denkt, dass die Figuren entschieden anders hätten handeln sollen. Nichtsdestotrotz kaschiert Alvarez diese kleineren Mängel in der Erzählung, indem er dem Betrachter schon frühzeitig keine Atempausen mehr gönnt und einige Haken schlägt, um aus dem eigentlich simplen Setting, bei dem drei Personen mit einem tödlichen Widersacher in einem Haus eingesperrt sind, immer wieder neue elektrisierende Spannungshöhepunkte zu kitzeln und gegen Ende auch einen Abstecher in dezent überzeichnete, groteske Momente zu wagen. Schauspielerisch glänzt hierbei vor allem Stephen Lang als furchteinflößender Gegenspieler, der trotz seiner fehlenden Sehfähigkeit wie eine brachiale Urgewalt durch die einzelnen Szenen walzt. Bemerkenswert ist aber auch Jane Levy, die schon in "Evil Dead" mitwirkte. Durch ihre Figur spinnt Alvarez sogar Parallelen zum Vorgänger, denn das Motiv von Rocky aus "Don't Breathe" weist durchaus Ähnlichkeit zu Mia aus "Evil Dead" auf.


Während Mias Kampf gegen die dämonischen Mächte gleichzeitig ein Kampf gegen ihre eigene Drogensucht darstellte, ist Rockys Kampf gegen den alten Mann und um ihr Leben ebenfalls ein Kampf um ihren Traum nach einer unbeschwerten Zukunft in Freiheit, den sie sich nur mit dem Geld aus dem Haus des Mannes verwirklichen kann. "Don't Breathe" ist somit ähnlich wie "Evil Dead" auch wieder ein Film, in dem die Laster und Abhängigkeiten der Protagonisten zum entscheidenden Katalysator des Terrors werden und sich in beängstigenden Horrorszenarien manifestieren. Auch wenn Fede Alvarez mit diesem Film nie an den schwindelerregenden Grat absurder Härte anknüpft, den er in seinem Langfilmdebüt erreichte, wenn es schließlich sogar wortwörtlich Blut regnete, zeigt sich der Regisseur mit seinem Nachfolgewerk erneut in handwerklicher Höchstform. "Don't Breathe" ist ein ausgezeichnet inszenierter Thriller, der inhaltlich die ein oder andere Ungereimtheit vergessen lässt, sobald der Zuschauer gemeinsam mit den Figuren den Atem anhält, um die Spannung zu ertragen.


7,5 von 10 auf den Arm tätowierte Marienkäfer



von Pat

Review: BRUISER - Kein Gesicht, keine Skrupel

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Fakten:
Bruiser
FR, CA, USA, 2000. Regie & Buch: George A. Romero. Mit: Jason Flemyng, Peter Stormare, Leslie Hope, Nina Garbiras, Andrew Tarbet, Tom Atkins, Jonathan Higgins, Jeff Monahan u.a. Länge: ca. 96 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Sein ganzes Leben hat Henry Creedlow immer nachgegeben. Seine raffgierige Frau betrügt ihn ohne ein Geheimnis daraus zu machen mit seinem widerlichen Chef, sein angeblich bester Freund bescheißt ihn bei der Finanzanlage und sogar seine Putzfrau bestiehlt ihn. Eines Morgens erwacht er mit einer Maske auf dem Gesicht, die sich nicht mehr entfernen lässt. Wie ausgewechselt lässt er alle Hemmungen fallen und schlägt gnadenlos zurück.

                                                                                     
Meinung:
George A. Romero lässt sich mit Fug und Recht als lebende Legende des Horrorfilms bezeichnen. Seit bald 50 Jahren ist der 76jährige als Regisseur aktiv, gleich sein Debüt wurde zum Klassiker und Wegbereiter seines größten Erfolges. Mit „Night of the Living Dead“ schuf er 1968 die Mutter des modernen Zombie-Films und der Auftakt einer drei Jahrzehnte umfassenden Trilogie. Nicht wenige betrachten den Nachfolger „Dawn of the Dead“ (1978) als den immer noch besten Beitrag zum Sub-Genre überhaupt. Schließlich vollendete er 1985 mit (dem oft unterschätzen) „Day of the Dead“ sein beachtliches Lebenswerk, an dessen Erfolg und Qualität er leider nie wieder anknüpfen konnte. Lediglich sein (eher unbekannter) eigenwillig-faszinierender Serienkiller-Vampir-Hybrid „Martin“ (1977) konnte auf diesem hohen Niveau abliefern. Wirklich schlecht war keine seiner anderen Arbeiten…bis auf den vorliegenden „Bruiser“.


Eine weiße Weste zum Beschmutzen
Nach der mittelprächtigen Stephen-King-Adaption „Stark – The Dark Half“ eine 7jährige Pause ein, um sich in erschreckender Form mit diesem Film zurückzumelden. Nicht etwa eine reine Auftragsarbeit um die Rente aufzubessern, Romero verfasste auch das Script, was das Elend nur noch unerklärlicher macht. Nur ganz grob mag man noch die alte Handschrift Romeros erkennen, der seine Genrefilme gerne mit gesellschaftlichem oder psychologischem Subtext unterfütterte. „Bruiser“ versucht das irgendwie auch. Beim kläglichen Versuch bleibt es dann. Henry (Jason Flemyng) hält als Angestellter bei einem sexistischen Herrenmagazin (namens Bruiser) wie auch im Privatleben konsequent die andere Wange hin, anstatt selbst mal (berechtigt) aus der Haut zu fahren. Der klassische Opfer-Typ, der von jedem beschissen, gedemütigt und bestimmt nicht ernst genommen wird. Seine über Jahre aufgestaute Wut kanalisiert sich an dem Morgen, als er seine Identität ablegt. Die für einen Ball angefertigte Maske – ein emotionsloser, blanker Abdruck seines Gesichts – sitzt plötzlich wie angegossen und ist nicht mehr zu entfernen. Ein neuer Henry ist geboren. Sein altes Ich ist aus dem Spiegel verschwunden, das Neue will definiert werden und es dürstet ihm in erster Linie nach Vergeltung.


Der Mittelstand schlägt zurück
Was an sich gar nicht mal so uninteressant klingt – der „Verlust“ des Gesichtes als Metapher für einen auch inneren Reset-Schalter, der die Weichen für den längst überfälligen (und in der Extreme nicht mehr verhältnismäßigen) Frustabbau stellt -, vermag Romero weder in der Theorie (mit seinem Drehbuch) noch der Praxis (der Inszenierung) adäquat umzusetzen. Die radikale 180-Grad-Wendung der Hauptfigur vom Duckmäuser zum titelgebenden „Bruiser“ erlebt keine nur grob nachvollziehbare Entwicklung. Hoppla-Hopp wird gemeuchelt, was ihm dumm gekommen ist. Rudimentär erklärt durch den plötzlichen Neubeginn. Von einem Horrorfilm muss keine tiefe, schlüssige Charakterisierung erwartet werden, aber der Hauch eines erzählerischen Versuchs ist doch nicht so viel verlangt. Narrativ ist „Bruiser“ ganz schwach und erschafft auch keine zwingend notwendige Sympathie für seine Anti-Helden, der nun mit aller Härte seine Minderwertigkeitskomplexe handfest kompensiert. Vom Weichei zum Punisher, und wenn es nur die Putze trifft. Grenzwertig. Der "Darkman" des Alltags. Wir haben es hier mit einem Amokläufer zu tun. Und wer mag die schon?


Früher war bei Romero der (hier massiv gescheiterte) Subtext schmückendes Beiwerk zu einem auch isoliert davon funktionellen Genre-Film, selbst das bekommt dieser blasse Kraftmeier nicht auf die Kette. Es ist zäh wie eine Schuhsole und wirkt oft wie eine zweit- bis drittklassige TV-Produktion eines Anfängers, der sich gerade ausprobiert. Die Erfahrung eines Veteranen, der einst mit mikroskopischen Mitteln denkwürdige Filme erschuf, ist wie weggeblasen. Es erinnert an den aktuellen Dario Argento. Wo ist es hin, was diesen Mann mal ausgezeichnet hat? Selbst gestandene B-Movie-Akteure wie Jason Flemyng, Tom Atkins (in seiner Alt-Herren-Dauer-Rolle als Cop) und Peter Stormare können da nichts mehr reißen. Letzterer darf sich zumindest komplett austoben, den Schweinehund und das Gemächt raushängen lassen, was in der Form auch schon wieder zu viel ist. Romero ist und war sicherlich nie ein Künstler, wie es Dario Argento oder John Carpenter mal waren, sein Absturz sicher nicht so brachial wie bei ihnen, verwunderlich in dieser Form aber allemal. Im Gegensatz zu seinen Kollegen konnte er die Abwärtsspirale aber noch stoppen. Danach folgte seine zweite Untoten-Trilogie, die man nach „Bruiser“ noch um einiges mehr zu schätzen lernt. 

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