Review: POLTERGEIST - Das Remake zu Spielbergs Klassiker

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Fakten:
Poltergeist
US. 2015. Regie: Gil Kenan. Buch: David Lindsay-Abaire. Steven Spielberg, Michael Grais, Mark Victor (Vorlage). Mit: Sam Rockwell, Rosemarie DeWitt, Jared Harris, Jane Adams, Saxon Sharbino, Kyle Catlett, Kennedi Clements, Nicholas Braun, Susan Heyward u.a. Länge: 93 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 22. Oktober 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Familie Bowen muss umziehen und sucht sich ausgerechnet das Haus aus, das auf einem ehemaligen Friedhof errichtet wurde und seit jeher von den Geistern jener Einrichtung heimgesucht wird.





Meinung:
Einem Film wie diesem hier darf man nicht mit einer negativen Grundstimmung entgegen treten. Egal, wie toll das Original auch ist, egal, was man von der Remake-Reboot-Sequel-Prequel-Politik Hollywoods halten mag, dem Film sollte nicht der schwarze Peter aus Prinzip zugeschoben werden. Sonst läuft man möglicherweise Gefahr, einen soliden Film nicht schätzen zu können, weil man ihm von Anfang an die Existenz verweigern möchte. Es ist eine „Na, dann zeig mal was du so können willst“-Einstellung, auf die man sich so versteifen kann, dass man alles, was kein Meisterwerk ist, als schlecht verpönt. So scheinen auch viele Menschen dieses Remake schon schlecht zu finden, bevor sie es überhaupt gesehen haben.


Und wieder wird eine Familie Opfer eines nutzlosen Remakes
Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Nein, bei „Poltergeist“ handelt es sich nicht um ein verkanntes Meisterwerk. Weit gefehlt, aber dennoch gibt es hier schlechte und auch gute Dinge, die man nicht einfach so unter den Tisch kehren sollte. Da wäre zum Beispiel der tolle Sam Rockwell. Immer wieder eine Freude, ihm bei der Arbeit zusehen zu können und auch hier ist er ganz weit über dem restlichen Cast, der aber generell zu überraschen vermag. Solide oder gar überzeugende Schauspielerleistungen gibt es zwar beinahe überall, aber nicht unbedingt im Horror-Genre. „Poltergeist“ jedoch kann damit durchaus angeben. Rockwell ist es, der als Identifikationsfigur dient und der in seinem Kampf um seine Familie dann auch den Zuschauer ein wenig mitreißen kann. Fast schon ein wenig unpassend wirkt sein Auftauchen da, ganz einfach, weil man Subtilitäten dieser Art in derartigen Kreisch-und-Rumms-Filmen nicht gewohnt ist. Subtilitäten sind es auch, die erst mit der Zeit ihre Signifikanz in der Filmwelt zugesprochen bekamen. Früher wurde darauf kein Wert gelegt, heute wirkt alles andere abgedroschen, übertrieben, befremdlich. Das ist nichts Neues und sorgt vor allem im Grusel-Genre dafür, dass so einige Haudrauf-Gurken produziert werden.


Selbst gruselige Puppen haben keinen Bock aufs Remake
Dieses Remake gehört leider dazu. Sam Raimi, seines Zeichens Produzent des Streifens und Schöpfer von aufmüpfigen Filmen wie „Drag me to Hell“, ist eben kein Roman Polanski, der den Einzug des Horrors in das Leben von Individuen wie sonst kein anderer zeigen kann. Sam Raimi ist aber durchaus ein fähiger Regisseur, der seinen lauten Stil wirkungsvoll und spannend in Szene setzen kann. Regisseur Gil Kenan kann das nicht. Und so verkommt der Anfang zu Szenen, in denen viel über egale Sachen geredet wird (immerhin mit Rockwell) und dann ab und zu ein paar versuchte „Schocks“ eingestreut werden, die genau so erschrecken wie Regen im Herbst. Alles hat man irgendwie schon gesehen (sicherlich auch kürzlich dank der Haunted-House-Filme von James Wan) und der Film wirkt teilweise so brav und hochnäsig oberflächlich, dass die Erwartungen einer wohlig-gruseligen Atmosphäre gnadenlos eingestampft werden müssen. Hier kommt der Grusel nicht langsam angeschlichen und hinter der eigenen Schulter hervor. Hier wird er derart offensiv in die Visages der Figuren und Zuschauer gezimmert, dass sich gar nicht gruseln kann, weil man einfach nur überrumpelt wird. Dieses überrumpelte Gefühl zieht sich dann durch den ganzen Film, ganz so, als würde man keinen Wert auf das Erlebnis des Zuschauers legen.


„Poltergeist“ ist, ganz losgelöst von dem Original von Tobe Hooper, kein guter Horrorfilm. Die Gruselszenen werden total mechanisch abgehakt, vom Fehlen jeglicher Atmosphäre soll mit Lärm abgelenkt werden, sodass man wenigstens denkt, dass irgendwas passieren würde. Tut es aber nicht. Abgesehen von überraschend natürlichen Schauspielern und einigen wirklich hübschen Nachtaufnahmen kann das Remake nichts verbuchen, was ihn auf oder über den Durchschnitt heben würde. So traurig es auch ist, hier wurde Potenzial, Geld und Zeit verschwendet mit Ideenarmut, Mutlosigkeit und vor allem einem ungekonnt aggressiven Inszenierungsstil, der jeglichen Grusel im Keim erstickt und stattdessen das Surround-System so richtig dröhnen lässt.


4 von 10 Clownpuppen


von Smooli

Review: BIG GAME - Samuel L. Jackson ist Präsident

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Fakten:
Big Game
FI/ US. 2014. Regie: Jalmari Helander. Buch: Jalmari Helander, Petri Jokiranta. Mit: Samuel L. Jackson, Victor Garber, Jim Broadbent, Ted Levine, Ray Stevenson, Onni Tommila, Felicity Huffman, Mehmet Kurtulus, Jaymes Butler, ua. Länge: 86 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 1. Dezember 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nachdem die Air Force One angegriffen wird muss der Präsident (Jackson) fliehen und wird in einer Notkapsel zur Erde geschickt. Dort kommt er irgendwo in der finnischen Wildnis an und wird von Oskari gefunden. Einem Jungen, der gerade ein Ritual vollzieht
, in dem für 24 Stunden allein in der Wildnis überleben muss. Der Überlebenskampf beginnt und wird noch von diesen doofen Terroristen verkompliziert.





Meinung:
Samuel L. Jackson hat sich einen Status erarbeitet, durch den er so ziemlich machen kann, worauf er auch immer Lust hat. Und selbst wenn Sam Jackson einfach nur Sam Jackson spielt, was immer öfter der Fall zu sein scheint, es sei denn QT sitzt auf dem Regie-Stuhl, geht die Rechnung letztendlich auf. Er verkörpert nämlich das, was schon 1994 auf seiner Geldbörse stand. Er ist ein bad motherfucker. Mit ihm kann man scherzen, aber es ist wahrscheinlicher, dass er mit einem scherzt. Man kann mit ihm diskutieren, aber man wird am Ende keinen Zentimeter an Boden gewinnen. Und wenn er eine Ansage macht, ist klar, was Sache ist. Wer, wenn nicht er, sollte den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika spielen?


Tiefes Licht auf finnisch? Helsinki. Ja, okay, der war mies.
Vor Kurzem erst wurde auf Youtube das Crowdfunding-Nostalgie-Projekt „Kung Fury“ veröffentlicht, ein etwa 30-minütiger Actionfilm über einen Polizisten, der den Kung Führer aufhalten muss.
Alles stilecht im 80er Retrolook mit Hommagen, Referenzen, undundund. Kurz gesagt: ein Heidenspaß. „Big Game“ kann man wohl durchaus als ein ähnliches Projekt bezeichnen, das lediglich zu keiner Zeit derart exzessiv über die Grenzen sprintet wie der Kurzfilm es tat. Aber dennoch ist dieser Film ein Ziehen des Hutes, ein kleiner aber feiner Gruß an die alten Actionfilme der 80er. Ganz stilecht mit Zitaten, ziemlich coolen Onelinern (wenn Mr. Jackson sie abliefert) und natürlich dem guten alten Bomben-Countdown. Immer wieder erinnert das Geschehen und Gezeigte an Filme aus vergangenen Tagen, in denen ein noch glatter Sylvester Stallone durch das Bild hetzte und seinen Bizeps aufpumpen konnte. Wird man von dem Film erfolgreich in die Vergangenheit katapultiert, erfreut man sich an der Konsequenz, leidet jedoch auch unter dem Fehlen des Elements der Überraschung. Neu ist hier nämlich tatsächlich gar nichts und überrascht wird man nur in einzelnen Pointen, die für den Moment durchaus lustig sind, aber rein gar nichts an dem Endergebnis verändern können.


Don't fuck with this President
Regisseur Jalmari Helander sammelt jedoch einen ganz fetten Pluspunkt, wenn er seine Hommage nicht zu einer bloßen Abkupferung verkommen lässt, sondern die Situation und Geschehnisse durchaus auf die moderne Zeit anwendet und den gesellschaftlichen und politischen Wandel behandelt.
So wird aufgezeigt, wie leer jedwedes Weltmachts-Gerede eigentlich ist, wie zerrissen die United States eigentlich sind und dass sie versuchen eben jene Schwäche durch oberflächliche Härte zu kompensieren. Nachdem der Präsident in seiner Not-Kapsel auf der Erde ankommt, schreibt er den Code zum Öffnen der Tür auf ein kleines Fenster. Erst verkehrt herum, dann für den Außenstehenden lesbar. Der Code lautet 1492, ein Jahr, in dem Fremde zum amerikanischen Kontinent kamen und alles und jeden unterjochten, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Über fünfhundert Jahre hat sich daran nichts geändert, was jedoch nicht nur auf die Staaten bezogen ist, sondern auf die nahezu gesamte westliche Welt. Allmacht und Überlegenheit existieren nur im Schein an der Oberfläche als eine Art Schutzschild. Durch dieses interessante Aufzeigen von Gefühl und Rationalität hebt Helander seinen Film gekonnt von den testosteronverblendeten „Geil-Ballern“-Streifen ab und verhindert auch, dass sein Film in der Bedeutungslosigkeit versinkt. 


„Big Game“ versteht es auf elegante Weise sein Budget von etwas über 8 Millionen Dollar auszudehnen und alles aus seinen Mitteln zu holen, was möglich ist. Visuell ist das über weite Strecken schon beeindruckend und wenn nicht das, dann wenigstens stets entschuldbar. Neben Samuel L. Jackson spielen auch Victor Garber und Jim Broadbent mit, die allesamt Spaß haben und Spaß machen und sich perfekt in diesen Film eingliedern, der ein teilweise guter Mix aus Humor und Action ist. Das Steckenpferd des Streifens ist dabei natürlich der Witz, der einigermaßen saftig daherkommt. Ansonsten ist der Film in seiner Dramatik stets vorhersehbar, nie sonderlich überraschend und deshalb auch nicht großartig überdurchschnittlich. Nett für zwischendurch, aber nicht obligatorisch.


5 von 10 Herzattacken


von Smooli

Unsere TV-Tipps der aktuellen Woche

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Unsere TV-Tipps vom 29. Juni bis 5. Juli 2015

Montag, 29. Juni:
Hostage – Entführt (Thriller) – 22:15 – ZDF
Gosford Park (Drama) – 23:15 - NDR
Lethal Weapon 2 (Action) – 00:45 – kabel eins

Dienstag, 30. Juni:
Der große Diktator (Komödie) – 20:15 – zdf.kultur
Borat (Komödie) - 21:45 – RTL Nitro
Very Bad Things (Komödie) – 22:40 – Tele 5

Mittwoch, 1. Juli:
Sleepy Hollow (Fantasy) - 23:05 – kabel eins
3 Zimmer, Küche, Bad (Drama) – 23:10 BR
Töte Amigo (Western) – 00:55 – hr

Donnerstag, 2. Juli:
Die Frau in Schwarz (Horror) - 22:15 - Vox
Dogtooth (Groteske) – 22:25 – 3Sat
Vengeance (Thriller) – 23:00 – eins plus

Freitag, 3. Juli:
Notting Hill (Komödie) – 20:15 – zdf_neo
Egoshooter (Drama) – 20:15 – eins festival
Road House (Action) – 00:40 - RTL 2

Samstag, 4. Juli:
Master & Commander (Abenteuer) – 20:15 – Vox
Take this Waltz (Drama) – 21:55 - BR
Tremors – Im Land der Raketenwürmer (Horror) – 23:50 – RTL2

Sonntag, 5. Juli:
Kindergarten Cop (Komödie) – 15:50 – ZDF
Abyss –Abgrund des Todes (Sci-Fi) – 20:15 – Pro7 Maxx
Gangster Squad (Action) - 22:50 – Pro7

Review: DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN - Ein aus der Not geborener Glücksfall

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Fakten:
Dracula jagt Mini-Mädchen (Dracula A.D. 1972)
GB, 1972. Regie: Alan Gibson. Buch: Don Houghton. Mit: Christopher Lee, Peter Cushing, Stephanie Beachman, Christopher Neame, Michael Coles, Marsha A. Hunt, Caroline Munro, Janet Key, William Ellis, Philip Miller, Michael Kitchen u.a. Länge: 93 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Mal wieder hat Dr. Van Helsing seinem alten Widersacher Graf Dracula den Garaus gemacht, diesmal soll für 100 Jahre Ruhe sein. Im London des Jahres 1972 erweckt eine Gruppe Twens im Drogenrausch den Fürst der Finsternis wieder zum Leben. Ein Mitglied der Clique: Jessica Van Helsing. Ihr Großvater ahnt nach den ersten Todesfällen schnell, wer da wieder aufgetaucht ist. Und auf wen er es abgesehen hat…




Meinung:
„Großvater, ich will dir ein Geständnis machen, wenn es dich beruhigt: LSD habe ich noch nie geschluckt. Ich habe auch noch nie gespritzt und ich schlafe auch noch nicht mit jedem bis jetzt.“

Das „bis jetzt“ ist doch mal ein Brüller…

Ganz neue Alltagsproblematiken im Hause HAMMER, was ist denn da los? Nun, das Studio sah sich gezwungen alternative Wege zu gehen. Die Zuschauer blieben weg, das Geld wurde (noch) knapp(er) und wenn einer das sinkende Schiff noch retten konnte, dann natürlich Dracula. Christopher Lee wurde gegen seinen Willen erneut vor den Karren gespannt (er war einfach zu gutmütig: Die Studiobosse argumentierten mit bereits verkauften Rechten und wie viele Arbeitsplätze daran hängen würden, Lee gab nach) und erstmals seit dem Original von 1958 gab es einen gemeinsamen Dracula mit Peter Cushing, der nur 1960 in „Dracula und seine Bräute“ wieder als Van Helsing zu sehen war, dem einzigen Film der Reihe ohne Lee. Nur eine berechtigte Frage stellte sich: Quo vadis, Dracula?


Es ist angerichtet...
Nach nunmehr fünf Sequels mit dem immer gleichen Muster (ausgenommen „Dracula und seine Bräute“, der sich nur bedingt in die Serie einordnen lässt) – der eigentlich endgültig besiegte Dracula steht durch ein Ritual wieder auf oder ist einfach nie weg gewesen, warum auch immer – und der nicht nur daraus resultierenden, absteigenden Qualität der letzten Filme („Das Blut von Dracula“ und „Dracula – Nächte des Entsetzens“ entstanden als Fließbandproduktionen 1970 direkt nacheinander, was man deutlich merkt) war ein neues Konzept gefragt. Schon wieder den Grafen in seiner Burg und dem üblichen Drum und Dran, das wollte keiner mehr sehen. Also nun „Dracula A.D. 1972“ oder unter dem wunderschönen deutschen Titel „Dracula jagt Mini-Mädchen“, der dem Endprodukt fast gerechter wird. Nachdem der Prince of Darkness zum letzten Mal am Rad gedreht hat (herrlich theatralisch und im Sinne der folgenden 90 Minuten leicht absurd vorgetragen) und auch Van Helsing letztlich in die Kiste gekommen ist, folgt der radikale Cut: Ein Flugzeug, die roten Doppeldecker, willkommen in London, anno 1972. Kein Blitz und Donner, keine hutzeligen Bauerndörfer im Schatten der Schreckensburg und kein Heulen der Kinder der Nacht. Hier wird Dope geraucht, kesse Bienen tanzen in flotten Hotpants zu Hottentotten-Musik und es wird gegen das spießige, britische Establishment rebelliert.


Da müssen wir mal eine Blutprobe nehmen...
Hier hängt der Hammer an fremder Stelle. Schon vorher spielten Filme des Studios zwar in der Gegenwart, jedoch nie so, weit entfernt von klassischen Modellen, mitten drin im Swinging-London. Das ist ungewohnt und von Dracula lange keine Spur. Selbst als sich Christopher Lee endlich aus seinem Ruhestand erhebt (natürlich: Durch ein Ritual) wirkt er trotz seiner gewohnt erhabenen Gestalt total deplatziert. Doch gerade dieser merkwürdige Kontrast zu der eingeschlafenen HAMMER-Methodik hat einen skurrilen Reiz. Das „Dracula jagt Mini-Mädchen“ eine aus der Not geborene Verzweiflungstat ist, lässt sich kaum schön reden und ist überdeutlich zu erkennen. Offensichtlich war sich keiner sicher, was man aus der neuartigen Prämisse überhaupt machen sollte. Nüchtern ist der Film niemals konsequent, weder in seiner Inszenierung, noch in seiner kaum zu definierende Intention. Der Clash von Klassik und Moderne wird dadurch erstaunlich gut präsentiert, ob das immer freiwillig ist, bleibt zu bezweifeln. Mal total unverkrampft, locker-lässig planlos aus der Hüfte geschossen, teilweise sogar gezielt ironisch, dann aber sich wieder im Ansatz auf den Geist der alten Filme berufen wollen, was eher von einer Unsicherheit im Umgang mit der Materie zeugt, trotzdem einen ungemeinen Charme hat. Ungewollt – oder eher in der Form unabsichtlich - ist „Dracula jagt Mini-Mädchen“ dadurch die beste Fortsetzung seit dem hervorragenden „Blut für Dracula“ (1966) geworden. Selbst der Score hat keine klare Linie, wechselt von Swing und Funk stellenweise urplötzlich zu Orgel-Grusel-Musik, das passt gar nicht und gerade dadurch doch.


Christopher Lee hat zudem die kürzeste Screentime aller bisherigen Dracula-Filme (das toppte nur noch der letzte, folgende Teil „Dracula braucht frisches Blut“, bei dem sowieso alles in die Hose ging), dafür darf Peter Cushing das Feld größtenteils beackern. Kein Problem, auch wenn es dadurch relativ wenig Vampir-Action gibt, zumindest in der ersten Hälfte. Da macht „Dracula jagt Mini-Mädchen“ auch lange nicht so viel Spaß wie später, richtig zieht der eh erst in der letzten halben Stunde an. Vorher ist sehr deutlich, wie schwach das Skript eigentlich ist, das spielt hinterher gar keine Geige mehr. Durchgehend super ist Christopher Neame in der Rolle des Johnny Alucard (!), der als (zunächst) menschlicher Antagonist von Optik und Auftreten leicht an Malcolm McDowell alias Alex in „Uhrwerk Orange“ erinnert. Der macht nicht nur eine gute Figur, er liefert auch noch eine Duschszene ab, die Janet Leigh Konkurrenz macht. Also, zumindest fast. Fast ist das Stichwort: Fast ist „Dracula jagt Mini-Mädchen“ eine Parodie, fast ist er eine Hommage und fast ist er ein ernstgemeinter Gruselfilm, die Grenzen verschwimmen. Nach dem etwas zu behäbigen Start in einer schrulligen, sehr herzlichen Konstellation. Ob Draculas Augen im Finale nun diabolisch-blutrot sind oder ob zu viel Hasch in der Luft lag, es bleibt diskussionswürdig. Hier lief bestimmt nicht alles wie mal angedacht (oder es wurde nicht viel nachgedacht), aber es funktioniert. Das negative, schauderhafte Gegenbeispiel erschien im folgenden Jahr und beerdigte den HAMMER-Lee-Dracula endgültig. Fatal, dies hier wäre ein würdiger Abschluss gewesen. Ein Exot in seinem Universum, der dadurch nicht alles, aber einiges richtig macht. Definitiv zu diesem Zeitpunkt.

6,5 von 10 Spatenstichen

Review: MEIN NACHBAR TOTORO – Ein Freund fürs Leben

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Fakten:
Mein Nachbar Totoro
Japan, 1988. Regie und Buch: Hayao Miyazaki. Orig. Stimmen von Noriko Hidaka, Hitoshi Takagi, Chika Sakamoto u.a. Dt. Stimmen von Gerhard Hilka, Maresa Sedlmeir, Pauline Rümmelein u.a. Länge: 86 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersfreigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Eines Tages spielt die kleine Mei im Hof und entdeckt ein winziges Wesen mit einem Sack, das Eicheln sammelt. Sie folgt ihm in den Wald und klettert durch das Gestrüpp. Plötzlich wird sie in ein Loch im Stamm eines riesigen Baumes gezogen. Am Ende des Loches trifft sie auf den fest schlafenden Totoro, eine riesige fellige Kreatur, die fast so groß wie ein kleines Haus ist.





Meinung:
Wir Menschen sind von Grund auf schlecht. Dass man sich dieser pessimistischen Theorie nicht zwangsläufig anschließen muss, versteht sich von selbst, doch es benötigt dieser Tage schon eine handfeste Argumentationskette, um wirklich vom Gegenteil überzeugen zu können – Oder man führt sich einfach „Mein Nachbar Totoro“ (dem man in diesem Kontext auch mühelos eine missionarische Bedeutung zusprechen kann) zu Gemüte, der uns daran gemahnt, wie schön das Leben doch sein kann und wie ein gesundes Miteinander aussehen sollte. Regisseur Hayao Miyazaki jedenfalls schreitet im zweiten Spielfilm des Studio Ghibli mit einer beeindruckenden Vehemenz zu Werke und bringt dem Zuschauer eine Sache unaufhörlich entgegen: Liebe, Liebe und noch mehr Liebe. Da könnten natürlich nun vielerorts die Alarmglocken ringen und der Gedanken aufkeimen, dass „Mein Nachbar Totoro“ in bloßer Schönseherei versinkt, den Blick auf die Dinge also nach allen Regeln der Manipulationskunst verzerrt und solange Zuckerguss serviert, bis einem die Sinne vollkommen verklebt sind.


 
Entspannung mit Plüschtieren
„Mein Nachbar Totoro“ aber möchte den Zuschauer in seiner Gutherzigkeit nicht mürbe machen, sondern verbleibt in seiner (re-)präsentativen Realitätsillustration auch immer im Hier und Jetzt haften. Satsuki und Mei ziehen mit ihrem Vater Kusakabe, einem Professor, auf das Land nach Matsuo, um der schwerkranken, seit langer Zeit im Krankenhaus verharrenden Mutter ein Stück weit näher zu kommen. Es ist allein schon eine Meisterleistung, wie sauber es Miyazaki gelingt, den Zuschauer geradewegs in die detaillierten Naturimpressionen der provinziellen Gegend zu ziehen und ihn somit auch direkt in die Rolle der beiden Mädchen führt: Wir wollen entdecken, was sich hier im satten Grün abspielt, möchten dem Knistern und Rascheln im Gebüsch nachspüren und womöglich ebenfalls einen Pfad durch das Unterholz bahnen, der als Eingangspforte in das phantastische Paralleluniversum führt, in dem es nicht nur die quirligen Rußbolde zu sehen gibt, sondern auch Waldgeister und überdimensionale Katzen, die sich als klammheimliches Verkehrsmittel definieren.


Das spaßige Leben auf dem Land
Selbstverständlich floriert in „Mein Nachbar Totoro“ eine unumstößliche Lust am Fabulieren; was hier an Kreativität aufgetragen wird, versetzt in rigoroses Entzücken. Darüber hinaus aber erzählt Miyazaki auch über schwerwiegende Themen wie Einsamkeit im Kindesalter und den (möglichen) Zerfall einer innerfamiliären Ordnung. Dass Satsukis und Meis Mutter an einer Krankheit leidet, deren Verlauf sich nicht positiv auswirken kann, verschleiert „Mein Nachbar Totoro“ zu keiner Sekunde: Immer wieder spiegelt es sich in den Kulleraugen der Kinder, die Sehnsucht, das Unverständnis, die Angst. Und genau diese Aspekte gehören zwangsläufig dazu, um ein kompaktes Bild vom Leben zu entwerfen, welches sich letzten Endes auch als „wahrhaftig“ einstufen lässt: Der Vorstoß in euphorische Gefühlslagen, aber auch das Gegenteil, die Schwere und Leere des menschlichen Daseins. In „Mein Nachbar Totoro“ aber obsiegt die unerschöpfliche Herzensgüte, ein gar unumstößlicher Glaube an das Gute und der verzaubernde Appell an die Kraft der Phantasie, die ebenfalls in der Funktion der Seelenheilung auftritt.


Mit reichlich sinnstiftender Cleverness geht „Mein Nachbar Totoro“ dahingehend vor, die vielfältige Naturmystik mit der japanischen Kultur zu verknüpfen und daraus einen einheitlich-mythologischen Körper zu formen. Es ist daher auch vollkommen richtig, dass all die Autoritätspersonen in „Mein Nachbar Totoro“ die Kinder nicht davon abhalten, an die kleineren und größeren Fabelwesen und Geister zu glauben, sondern sie vielmehr darin bekräftigen, eine Akzeptanz aufzubauen, dass es einfach absonderliche Wesen und Geschöpfe im verzweigten Dickicht und dem Dunkel der Nacht zu entdecken gibt, die man sonst nur in Folklore und Büchern zu Gesicht bekommt. Wer „Mein Nachbar Totoro“ nicht als Labsal für die Seele sieht, der kann einem wahrlich leidtun, so viel entwaffnende Magie wie diese besinnliche Ode an die Kindheit, den inhärenten Entdeckungsdrang und die allgemeine Annahme von Unmöglichem extrahiert. In seiner Wärme und seinem Wohlwollen ist und bleibt „Mein Nachbar Totoro“ immer noch ein Film, der das Herz noch lange Zeit nach dem Abspann wie verliebt pochen lässt.


8 von 10 verrußten Fußsohlen


von souli