Review: THE ROVER - Die Jagd nach dem puren Tod



Fakten:
The Rover
Australien. 2013. Regie: David Michôd.
Buch: David Michôd, Joel Edgerton. Mit: Guy Pearce, Robert Pattinson, Scoot McNairy, Gillian Jones, David Fields, Anthony Hayes, Tawanda Manyimo, Susan Prior, Nash Edgerton, Jaime Fallon, Samuel F. Lee u.a. Länge: 102 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 31. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Das australische Outback in der nahen Zukunft: Eric (Guy Pearce) ist schon lange abgehärtet gegen die feindliche Umwelt und die gefährliche Gesellschaft, die ihn umgibt. Als ihm jedoch sein letzter Besitz, sein Rover, von einer marodierenden Gang gestohlen wird, hat auch er seine Grenze erreicht. Skrupellos macht er sich auf die Jagd nach den Autodieben und muss sich dabei gezwungenermaßen mit dem naiven Gangster Reynolds (Robert Pattinson) verbünden, der von seiner Gang auf der Flucht einfach zurückgelassen wurde.





Meinung:
Australien - Land der staubigen Dystopien, zumindest im filmischen Sinne. So begibt sich auch 'ANIMAL KINGDOM'-Regisseur David Michôd nochmals auf finster-apokalyptische Pfade, die sich zuvor schon u.a. George Miller und Brian Trenchard-Smith geleistet hatten, nun aber ausgestattet mit einer rohen Tristesse, die jegliche eskapistische Lust auf eine wild gewordene Endzeit vermissen lässt. Jener Umstand ist aber weiß Gott kein Mangel, eher ein existenzialistisch-abgeklärter Segen der Hoffnungslosigkeit - wo die rechtschaffensten Genreregeln und versöhnliche Erlöserfantasien der Vergangenheit angehören, hier ist jeder nur noch für sich alleine im Dreck der verlebten Zivilisation. Skrupellosigkeit ist an der Tagesordnung, aber von der fiesen Anarchie eines 'MAD MAX' keine Spur, selbst wenn manche Elemente selbstverständlich allein dem Setting geschuldet auch hier vorkommen: es gibt schlicht keine Zukunft mehr und das Leben bricht eben in schlichter Ödnis langsam und 'bequem' ein, in schwüler Hitze und im schweigsamen Zusammensein zur Bereitstellung der wenig verbliebenen Dienstleistungen und Ressourcen - nur noch ein schwach aufrecht-erhaltener Schatten vergangener Gesellschaftsstrukturen.

 
Töte oder stirb
Bezeichnenderweise haben wir auch in diesem skizzenhaften System einen einsamen Wanderer als Protagonisten am Ruder, den oft schweigsamen und mitgenommenen Eric (Guy Pearce), der mit seinem Auto durch die trostlose Szenerie fährt, 10 Jahre nach dem ultimativen Zusammenbruch von allem. Wie der Zufall aber so will, wird sein Schlitten bei einem Zwischenstopp von einigen flüchtenden und verletzten Halunken gestohlen, weshalb er diese fortan im Verlauf des Films verfolgen wird, koste es was es wolle. Es ist die Determination eines Verzweifelten und eines Wütenden, die ihn vorantreibt - gleichzeitig intensiv, bedacht und innerlich wehleidig hinsichtlich seiner kompromisslosen Entscheidungen bahnt er sich seinen direkten Weg durch einen Kontinent, der größtenteils aufgegeben hat, entweder die individuellen Besitztümer bis zum Tode schützt oder auch wegwirft, denn was für einen Sinn hat das alles noch, wenn man eh früher oder später im Staub verrecken wird? Eben echte Endzeit-Stimmung, vergleichbar in etwa mit der tiefen, bitteren Todesgewissheit des Videospiels 'ONE CHANCE' - hier ist Endstation, der letzte Atem der Menschheit verdampft einfach allmählich.


Die Romantik einer untergehenden Welt
Doch Eric gibt nicht so einfach das Letzte auf, was er noch hatte, was nun mal in diesem Auto steckt und daher beruft er sich mit Waffenzwang auf den zurückgelassenen Bruder der Ganoven, den leicht minderbemittelten Rey (Robert Pattinson), um zumindest dieses Stück Vergangenheit wiederzuerlangen, aber ebenso ultimativ, aber aus eigener Hand hinter sich zu lassen: ein letzter Ruheort für seine eigene verlorene Menschlichkeit, welche auf dem Weg dorthin scheinbar wieder einen Funken von Lebendigkeit und 'Humor' erhält, aber mit horribler Gewalt nochmals entzogen wird. Wie genau sich das alles entwickelt, sei an dieser Stelle nicht verraten, auf jeden Fall geht Regisseur Michôd dafür einen sehr behutsamen und doch spannungsgeladenen Weg, der einerseits die authentisch-verkommene Welt ausgiebig erforscht, aber ebenso seine inneren Wracks von Charaktere, die sich einer universellen Hund-frisst-Hund-Brutalität ausgeliefert sehen, dementsprechend reagieren müssen, aber immer tiefer in die Perspektivenlosigkeit einsacken, je mehr alles Humane um sie herum in allgegenwärtig-erdrückender Leere zerbröselt.


Michôds Film ist dabei größtenteils stets siedende, schleichende Suspense, immer am Abzug, gefährlich und schließlich in den eskalierenden Momenten präzise mit seinen lahmlegenden Schocks. Hier werden keine stilistischen Kompromisse eingegangen oder explizit ausgewalzt - everything's fucked and the movie just knows it. Deshalb bleibt auch nur selten Zeit zur Auslastung, wenn man hier jenseits der alten Regeln überleben muss und sich, dem festen letzten Ziel folgend, dennoch in ausweglose Zonen begibt. Die Atmosphäre beherrscht alles und lässt deshalb auch so einiges an den gemachten Plänen schiefgehen, weil es unter den Umständen anders gar nicht mehr geht und dennoch tief verletzen, tosen und in Trauer versinken lassen kann (siehe dazu auch den höllisch guten Score von Antony Partos, der schon im Alleingang das beste Element zu Michôds Vorgängerfilm ablieferte). 'THE ROVER' ist da gleichsam knallhart und ohne falsche Sentimentalität bittere Fallstudie - auf der großen Leinwand natürlich ein einnehmend-ehrlicher Blick in die Unendlichkeit, aber hierzulande wieder nur hauptsächlich aufs Heimkino relegiert. Da kann man den Schmerz vom Schlusspunkt des Films gleich nochmal ein bisschen mehr nachvollziehen.


8 von 10 US-Dollar


vom Witte

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